Über die Verpflichtung von Ivano Balic : Weltstar in Wetzlar

Spitzenhandballer Ivano Balic wechselt nun doch noch in die Bundesliga – für ein Zweckbündnis in der Provinz. Der Kroate unterschrieb nach dem Rückzug von Atletico Madrid bei der HSG Wetzlar einen Ein-Jahres-Vertrag.

von
Neue Meinung. Lange hatte Ivano Balic keine Lust auf die Bundesliga.
Neue Meinung. Lange hatte Ivano Balic keine Lust auf die Bundesliga.Foto: dpa

Vor ein paar Jahren hatte er den Wechsel noch ausgeschlossen. Hohe Spielfrequenz, Woche für Woche starke Gegner, dazu die weiten Auswärtsfahrten – eine Beschäftigung in der Handball-Bundesliga sei einfach „viel zu anstrengend“, sagte Ivano Balic seinerzeit. Entsprechend gelangweilt verhielt sich der kroatische Superstar, wenn mal wieder eine Anfrage aus Deutschland auf dem Tisch lag. Und davon gab es einige. Beinahe ein Jahrzehnt lang hatten die Spitzenklubs der stärksten Handball-Liga der Welt nichts unversucht gelassen, um sich die Dienste des grandiosen Spielmachers zu sichern. Vergeblich: Balic spielte lieber im sonnigen Spanien oder in der kroatischen Heimat.

Nun wechselt der Welthandballer der Jahre 2003 und 2006 doch in die Bundesliga. Allerdings nicht nach Kiel, Hamburg, Flensburg oder Berlin – sondern ins beschauliche Wetzlar. Am Dienstag gab die HSG den Transfer offiziell bekannt, 60 Journalisten sahen dabei zu, wie Balic seine Unterschrift unter einen Ein-Jahres-Vertrag setzte. „Ein derartiges Medieninteresse hatten wir noch nie, eine ganz neue Dimension“, sagt der Wetzlarer Geschäftsführer Björn Seipp, „und für mich die Bestätigung, dass wir nicht nur den größten Transfer unserer Vereinsgeschichte abgewickelt haben, sondern den spektakulärsten der Bundesliga-Sommerpause.“

Allem Optimismus in der hessischen 50 000-Einwohner-Stadt zum Trotz erscheint die Zusammenarbeit zwischen dem Bundesliga-Siebten des Vorjahres und seinem neuen Superstar vor allem wie ein Zweckbündnis. Wetzlar fahndete nach der Verletzung von Adnan Harmandic (Daumenbruch) nach einem erfahrenen Spielgestalter, und Balic selbst war seit dem Rückzug von Atletico Madrid arbeitslos. Der spanische Spitzenklub hatte Anfang Juli einen Insolvenzantrag gestellt und über Nacht sämtliche Spieler freigestellt. Zu den Beurlaubten gehörte neben dem deutschen Nationalspieler Christian Dissinger auch Torhüter Magnus Dahl, der daraufhin nach Wetzlar gewechselt und nun bei der Verpflichtung Balics beteiligt war, offenbar als eine Art Souffleur. „Er hat mir gesagt, die Mannschaft sei gut, ich solle kommen“, berichtete Balic, dem angeblich auch ein Angebot von Rekordmeister THW Kiel vorlag.

Für die hessische Provinz hat sich der 34-Jährige nach Aussage von Geschäftsführer Björn Seipp vor allem deshalb entschieden, „weil er von uns die Gewissheit bekommen hat, auf seiner Position als Nummer eins gesetzt zu sein, das war ihm wichtig“. Und es passt zum Anspruch des Ausnahmekönners, der zwischen 2004 und 2007 als erster und bisher einziger Handballer fünf Mal in Folge ausgezeichnet wurde zum wertvollsten Spieler bei großen Turnieren, sprich: EM, WM und Olympia.

Auf Vereinsebene hat Balic – abgesehen von einer spanischen und diversen kroatischen Meisterschaften – zwar keinen großen Titel gewonnen. Dafür holte er mit dem kroatischen Nationalteam 2003 den Weltmeistertitel und ein Jahr später olympisches Gold. In beiden Endspielen hieß der Gegner übrigens Deutschland. Zwischen 2003 und 2012 führte er sein Heimatland bei internationalen Titelkämpfen zudem immer mindestens ins Halbfinale.

Weit weniger unzweifelhaft als seine Klasse auf dem Spielfeld ist allerdings sein Ruf: Balic gilt als Diva. Der Vorwurf der Arroganz hat ihn auf seinen Karrierestationen stets begleitet, er basiert auf seiner lasziven Spielweise. Wenn Balic in der ihm eigenen Art mit tief sitzender Hose und langen Haaren über das Spielfeld schlurft, wirkt er oft lustlos, regelrecht gelangweilt – bis zur plötzlichen Explosion. Trotz unorthodoxer Bewegungen hat sich der bekennende Basketball-Fan Balic mit seinen handballerischen Alleinstellungsmerkmalen, dem verdeckten Unterarmwurf und vor ihm nie da gewesenen Passqualitäten, aber längst einen Platz in den Evolutionsbüchern seines Sports gesichert. „Er ist einer der besten Spieler, die jemals auf der Rückraum-Mitte-Position gespielt haben“, sagt sein ehemaliger Trainer Talant Duschebajew, der selbst in eben jene Kategorie fällt.

In Wetzlar jedenfalls habe man Balic als „netten, bodenständigen Menschen kennengelernt“, sagt Björn Seipp. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass wir ihn überreden mussten.“ Womöglich ist die Bundesliga ja doch nicht so schlimm, wie Balic lange Zeit zu wissen glaubte.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben