Sport : Überall greifbar sein

Wie unangemeldete Dopingkontrollen funktionieren

Frank Bachner

Berlin - Der Brief kam von Örjan Madsen, dem Cheftrainer der deutschen Schwimmer. Der Norweger Madsen schrieb seinen besten Sportlern, dass „zu viele Athleten nicht dort sind, wo sie laut den selbst eingereichten Fina-, Wada- und Nada-Unterlagen sein sollten, wenn Dopingbeauftragte unangemeldete Tests durchführen wollen.“ Die Fina ist der Welt-Schwimmverband, die Wada die Welt-Anti-Dopingagentur, die Nada die Nationale Dopingagentur in Bonn.

Mark Warnecke war einer der Adressaten dieser Briefe. Der Schwimm-Weltmeister über 50 Meter Brust reagierte gelassen. Wenn ein Dopingfahnder vergeblich an seiner Haustür in Herdecke bei Dortmund klingelt, dann „soll der mich eben auf meinem Handy anrufen, ich bin ja erreichbar.“ Und überhaupt: „Man kann nicht alles transparent machen.“

Der Norweger Madsen handelte freilich aus edlen Motiven. Er befürchtet ein Imageproblem, „falls wir nicht aktiv eine andere Haltung dazu einnehmen“. Madsen steht für einen offensiven Anti-Dopingkurs, das bringt ihm Respekt ein. Auch Warnecke ist dafür. Allerdings sagt Roland Augustin, der Nada-Geschäftsführer, der Punkt mit dem Imageproblem sei „Blödsinn“. Und: „Wir sind zufrieden mit der Erreichbarkeit der Schwimmer. Die Fina hat sich bei uns deswegen noch nie gemeldet.“

Die Geschichte mit der Erreichbarkeit ist in ihren Feinheiten ziemlich kompliziert. Ein enges Kontrollnetz mit unangemeldeten Fahndern ist das eine, die Grenzen dieses Systems das andere: „Was wir den Athleten abfordern, ist Irrsinn“, sagt Augustin. „Eigentlich müsste ein Sportler ein Handy mit Satelliten-Navigationssystem haben. Der wird gnadenlos überwacht. Das ist Orwell pur.“ Natürlich ist Augustin für einen klaren Anti-Dopingkampf, aber es geht auch um Persönlichkeitsrechte. Die Topleute eines Verbandes müssen im Prinzip jederzeit mitteilen, wenn sie Wohnung, Zweitwohnung oder Trainingsort verlassen, die Adressen also, die bei der Nada hinterlegt sind. „Wenn ein Athlet abends ins Kino geht, dabei sein Handy ausstellt und anschließend noch in der Kneipe sitzt und ein Kontrolleur erreicht ihn nicht, dann hat es ihn geschmissen“, sagt Augustin. Dann gibt es laut Vorschrift eine Verwarnung. Die dritte Verwarnung bedeutet zwei Jahre Sperre.

Das ist die Theorie. Die Praxis ist eine Grauzone. Für Topathleten gilt, dass sie sich abmelden müssen, wenn sie länger als 24 Stunden einen der offiziell angegebenen Orte verlassen. Über Handy allerdings sollten sie immer erreichbar sein. „Für namenlose, 16-jährige Talente gilt eine 72-Stunden-Frist“, sagt Augustin. Entscheidend ist in der Praxis „das Fingerspitzengefühl des Kontrolleurs“. Wenn ein Fahnder einen Schüler morgens um zehn Uhr nicht zu Hause oder im Training antrifft, weil der in der Schule sitzt, dann könne es einfach keine Verwarnung geben, sagt Augustin. Und wenn ein Radfahrer sagt, dass er nicht ans Handy ging, weil er im Training war und telefonieren auf dem Rad verboten ist, dann wird das straffrei akzeptiert. Es geht um den Gesamteindruck. „Wenn wir bemerken, dass uns ein Athlet veralbert und seine Entschuldigung unwahr ist, bohren wir nach“, sagt Augustin. Dann gibt es notfalls eine Meldung an den Verband und eine Verwarnung. Ansonsten wird der Test nachgeholt, natürlich unangemeldet.

Es gibt aber auch Probleme. Ein junger Tennisspieler, den ein Fahnder mühevoll aufgespürt hatte, sagte lässig: „Es ist doch ihr Job, mich zu finden.“ Die offizielle Antwort war eine Verwarnung. Manchmal aber finden die Fahnder ihre Zielpersonen nicht, weil deren Daten falsch im Nada-Computer gespeichert sind. „Buchstaben- oder Zahlendreher sind die Klassiker“, sagt Augustin. Da ist dann mal eine Hausnummer falsch oder ein Straßenname. Ein Teil des endlosen Datenflusses von Ortswechseln wird von fünf Nada-Mitarbeitern manuell protokolliert. 9000 Athleten betreut die Nada insgesamt, nur rund 6000 haben inzwischen die Möglichkeit, ihre Daten selber ins Nada-System zu senden. Der Rest meldet sich per Telefon oder Fax, und zwar permanent. Dazu gehören alle Athleten nichtolympischer Sportarten. „Ein monströser Verwaltungsaufwand“, sagt Augustin.

Ganz speziell wird es bei den Skifahrern. Wenn das Training auf der vorgesehenen Piste wegen Schneemangels ausfällt, dann ziehen Athleten und Trainer einfach auf die nächste Piste. Dafür gibt es eine extra eingerichtete Nummer. „Wenn ein Kontrolleur das nicht mitbekommt und deshalb niemanden antrifft, dann kann es natürlich keine Verwarnung geben“, sagt Augustin.

Mark Warnecke ist gerade in Schottland auf Hochzeitsreise. Er hat sich doppelt abgesichert. Seine Handynummer hat die Nada sowieso. Aber er hat noch eine zweite angegeben: Die Nada kann jetzt auch seinen Reiseleiter anrufen.

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