Sport : Überfordert und überrollt

French-Open-Siegerin Ana Ivanovic scheitert in der dritten Runde von Wimbledon an Jie Zheng

Petra Philippsen

Berlin - Sie hatte diesen Moment dringend gebraucht. Ana Ivanovic ließ sich auf ihren Stuhl fallen und vergrub ihr Gesicht tief in einem Handtuch. Nur einen Moment lang wollte sie zu Atem kommen, versuchen, in der einen Minute des Seitenwechsels, zu verstehen, was gerade auf dem Center Court von Wimbledon mit ihr passierte. Alles schien so rasend schnell abzulaufen, dass sie unfähig war, auf die harten und präzisen Schläge ihrer Gegnerin zu reagieren. Ivanovic fühlte sich überrollt und wohl auch ein wenig überfordert. Den ersten Satz des Drittrundenspiels hatte Jie Zheng bereits nach einer halben Stunde mit 6:1 für sich entschieden, und die Chinesin, die mit einer Wildcard ins Hauptfeld gelangt war, zeigte keine Nervosität. Oft, wenn Außenseiter gegen den Favoriten vorne liegen, ereilt sie noch die Angst vor der eigenen Courage. An diesen Gedanken hatte sich auch Ivanovic geklammert, aber nun lag Zheng im zweiten Satz mit dem Break mit 3:2 vorne. Der Plan wollte einfach nicht aufgehen, Zheng siegte 6:1 und 6:4.

Ivanovic hatte sich bei dem Seitenwechsel mit dem Handtuch über ihr Gesicht gewischt, nur die Schweißperlen wollte sie beseitigen und nicht etwa Tränen. Die 20-jährige Serbin starrte ein wenig ins Leere, vielleicht gingen ihr dabei die Bilder aus Paris durch den Kopf. Nur zwei Wochen zuvor schien alles noch so leicht zu sein, nichts und niemand vermochte ihren Triumphzug auf der roten Asche zu stoppen, und so durfte sie ihren ersten Grand-Slam-Titel bei den French Open feiern. Als Zugabe übernahm sie auch noch die Führung in der Weltrangliste, und die machte ihr sportliches Glück perfekt. Doch nun auf dem Rasen von Wimbledon hatte sich ihre Gefühlslage völlig verändert. Frustriert nahm sie hin, dass von ihrem aggressiven Grundlinienspiel wenig geblieben war. Alles, was ihr auf dem Aschebelag noch perfekt gelungen war, lief jetzt gegen sie. „Wenn es auf Sand nicht läuft, habe ich immer noch Zeit genug, um in die Partie zu finden. Aber hier passiert alles einfach viel zu schnell“, sagte Ivanovic später.

Sie hatte sich nach Paris eine Auszeit genommen und ihr Training auf ein Minimum reduziert. „Ich hielt das für richtig, weil die Wochen auch sehr emotional für mich waren. Aber es war wohl falsch. Ich hätte mich besser auf Rasen vorbereiten müssen“, gestand Ivanovic ein, und die fehlende Umstellung war ihr anzumerken. Seltsam verloren wirkte die letztjährige Halbfinalistin auf dem Platz, und Zheng wusste diese Schwäche zu nutzen. Nach nur 72 Minuten beendete die Chinesin die Partie. Dabei war Zheng im letzten Jahr sechs Monate mit einer Sprunggelenksverletzung ausgefallen und dadurch bis auf Platz 133 der Rangliste abgerutscht. 2006 gehörte sie noch zu den besten 30 Spielerinnen der Welt und gewann seinerzeit auch den Doppeltitel in Wimbledon. Dieses Potenzial bekam Ivanovic bei ihrem frühen Aus in der dritten Runde schmerzlich zu spüren. „Gegen die Nummer eins sind alle heiß zu gewinnen und spielen dann ihr bestes Tennis. Ich werde lernen müssen, damit umzugehen“, erklärte Ivanovic.

Die zweifache Wimbledonsiegerin Serena Williams kennt dieses Gefühl allzu gut, hat sich jedoch längst daran gewöhnt. Ebenso wie ihre Schwester Venus, Titelverteidigerin und vierfache Siegerin, die nach dem frühen Abgang von Maria Scharapowa nun beide alleinige Top-Anwärterinnen auf die Siegerschale sind. Wie zuletzt 2003 könnte es zu einem „Sister Act“ im Finale kommen: „Das wäre das ultimative Ziel“, betonte Serena Williams. Petra Philippsen

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