Sport : Überlebenskünstler mit Problemen

Pal Dardai hat schon in der Zweiten Liga für Hertha gespielt und stieg 1997 auf – nun muss er wohl gehen

Stefan Hermanns[Schruns]

Pal Dardai hat sich schon Gedanken über seinen nächsten Sommerurlaub gemacht. Zumindest für den Fall, dass er dann nicht mehr für Hertha BSC spielt. Er würde zu Christian Fiedler gehen, dem Torhüter des Berliner Fußball-Bundesligisten, und ihm vorschlagen: „Wir machen eine Woche Trainingslager. Nur wir beide.“ Seit Jahren teilen sie sich bei Reisen mit Hertha das Zimmer, sie haben den gleichen Lebensrhythmus, gehen um zehn schlafen und sind morgens um sieben die Ersten, die zum Frühstück erscheinen. Es ist eine seltsame Vorstellung, dass ihr 16. gemeinsames Trainingslager das letzte sein könnte. „Abwarten“, sagt Fiedler. „Noch ist nichts entschieden.“

Noch steht Dardai bei Hertha unter Vertrag. Es ist ein gut bezahlter Vertrag, er läuft noch zwei Jahre. Für den 29 Jahre alten Ungarn bedeutet das in jedem Fall zwei Jahre Arbeitsplatzsicherheit. Natürlich will er gerne spielen, aber wenn Hertha ihn nicht lässt und er keinen passenden Verein findet, dann werde er eben zwei Jahre lang nur trainieren. Niemand zweifelt daran, dass Dardai das wie bisher mit großem Engagement tun wird. „Pal lebt von seiner Aggressivität und Leidenschaft“, sagt Herthas Trainer Falko Götz. „Die bringt er in jedem Training ein.“

Für einen Stammplatz haben diese Qualitäten allerdings zuletzt nicht mehr gereicht. Trotzdem wird Dardai nicht wechseln, nur um des Wechselns willen. Er müsse auch auf seine Familie Rücksicht nehmen. Sein ältester Sohn wird nach den Sommerferien eingeschult, deshalb will Dardai den deutschsprachigen Raum auf keinen Fall verlassen. Die Vereine, die vor der Sommerpause angefragt haben, hätten sich nicht mehr gemeldet, erzählt er, zuletzt aber galt Arminia Bielefeld als interessiert. „Kann sein“, sagt Dardai, „das habe ich auch in der Zeitung gelesen.“

Seit dem 1. Dezember 1996 lebt der Ungar in Berlin, seitdem hat er 176 Bundesligaspiele für Hertha bestritten – und zehn Zweitligaspiele. In seiner ersten Saison hießen die Gegner noch Gütersloh, Oldenburg und Zwickau. Jetzt, achteinhalb Jahre später, ist er der einzige verbliebene Feldspieler im Kader der Berliner, der 1997 den Aufstieg in die Bundesliga miterlebt hat. Dardai hat alle überdauert, als Letzten Michael Hartmann, der im Winter zu Hansa Rostock gewechselt ist, und Andreas Schmidt, der immerhin noch für Herthas Amateure spielt. Der Ungar steht für eine erstaunliche personelle Kontinuität, die Hertha gepflegt hat. Borussia Mönchengladbach zum Beispiel ist erst vier Jahre später aufgestiegen und beschäftigt schon heute keinen einzigen Spieler mehr, der 2001 den Aufstieg geschafft hat. „Das ist auch eine Kunst, immer zu überleben“, sagt Dardai. „Am Anfang einer Saison hieß es immer: Dardai spielt nicht, und ab dem vierten Spieltag habe ich dann doch wieder durchgespielt.“ Nur in der vorigen Saison war es umgekehrt. In den ersten drei Spielen stand Dardai in der Anfangsformation, danach durfte er nur noch viermal von Beginn an auf der Position im defensiven Mittelfeld spielen. Niko Kovac, mit dem er laut Trainer Götz am Anfang der Saison nahezu gleichauf lag, zog an ihm vorbei. „Die ersten drei, vier Monate waren schwer“, sagt Dardai. Vor allem die Minuten vor einem Spiel, wenn er sich warm gemacht hatte und dann auf die Bank musste.

Götz sagt, alle Spieler hätten die gleiche Chance, sich zu empfehlen, auch jene, die wie Dardai oder Wichniarek als potenzielle Abgänge gelten. Realistisch betrachtet aber wird Dardai Reservist bleiben. Kovac hat eine überragende Saison gespielt, für dessen Nachfolge ist der 18 Jahre alte Kevin Boateng vorgesehen, den Manager Dieter Hoeneß als „Mann der Zukunft“ bezeichnet. Pal Dardai sagt, er fühle sich wie ein Schachspieler, dessen König Schach gesetzt worden sei: „Vielleicht hast du noch einige Züge.“ Im Grunde weiß er, dass das Spiel zu Ende geht.

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