Sport : Überlegen in Unterzahl

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Von Christoph Daum

Oft spielt eine Mannschaft in Unterzahl besser, nicht selten gewinnt sie. Bei der WM gelang dies gerade Brasilien gegen England trotz der Roten Karte für Ronaldinho, und Deutschland traf gegen Kamerun erst nach dem Platzverweis von Ramelow. Meist heißt es zur Erklärung, bei der betroffenen Mannschaft würden neue Kräfte frei. Aber warum werden diese Kräfte nicht vorher frei gemacht? Und wieso tun sich die Mannschaften, die in Überzahl spielen, oft so schwer?

Wird die eigene Mannschaft mit einer Roten Karte bestraft, erhöht sich schlagartig die Konzentration. Jeder Spieler muss jetzt mehr Verantwortung übernehmen. Jeder weiß: Ein verlorener Zweikampf, ein unnötiger Ballverlust kann das Aus bedeuten. Die Fehlerquote wird durch diesen Alarmzustand verringert, die Einsatzbereitschaft erhöht. Im Kopf setzt sich fest: Ich muss mehr tun.

Ganz anders bei der Mannschaft in Überzahl, deren Spielern das Unterbewusstsein vorgaukelt: Ich muss jetzt nicht mehr so viel tun. Das verringert die Kräfte, und die Selbstsicherheit schwächt die Aufmerksamkeit. Alle Trainer kennen diese psychologische Falle, und doch bereiten sie die Spieler oft ungenügend auf eine solche Situation vor.

Taktisch muss sich eine Mannschaft in Unterzahl kaum umstellen, wenn sie mit Raumdeckung spielt. Meistens wird dann eine Mittelfeld- oder Angriffsposition geopfert und durch permanentes Verschieben der verbliebenen neun Feldspieler wechselseitig besetzt. Mannschaften, die noch mit Libero spielen, lösen dagegen diese Position auf.

Die Brasilianer haben gegen England selbst in Minderzahl Ball und Gegner perfekt laufen lassen. Sie droschen die Bälle nicht weg, sondern hielten sie 50, 60 Sekunden in den eigenen Reihen. Die Engländer kamen kaum in die Nähe ihres Strafraums. Wer sich dagegen nur hinten reinstellt, lädt den Gegner zum Powerplay ein. Oft führen schnelle Konter aus der Unterzahl heraus zum Erfolg, wie beim Tor von Bode gegen Kamerun.

Ein Spiel in Überzahl ist nur dann Erfolg versprechend, wenn es in die Breite und die Tiefe geöffnet wird. Dazu muss die offensivste Variante des Pressings gewählt werden: das aggressive Forechecking. Das provoziert den Gegner zu Fouls und Fehlern. Es kann auch hilfreich sein, eine Mannschaft in Überzahl kurzfristig auf genaue Mann-Zuordnung umzustellen. Dadurch wird das Verantwortungsgefühl verstärkt. Entscheidend ist, was sich im Kopf abspielt. Ein Trainer muss seine Spieler deshalb auf solche Situationen gut vorbereiten, sonst reagieren sie hilflos und verkrampft – wie zu sehen war.

Der Fußballlehrer Christoph Daum analysiert an dieser Stelle täglich die WM.

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