Sport : „Überlegt mal, wer da gegen wen spielt“

Österreichs Trainer Josef Hickersberger warnt vor dem Vorrunden-Finale gegen die Deutschen vor zu großen Erwartungen und sieht keine psychologischen Vorteile für sein Team

Sven Goldmann[Wien]

Am Tag danach soll Ivica Vastic erzählen, wie es war. Mit dem Elfmeter in der Nachspielzeit zum 1:1 gegen Polen. Wie er die Nerven behalten hat vor 50 000 Zuschauern im Wiener Ernst Happel-Stadion, warum er denn scharf geschossen hat und nicht weich, ob er von vornherein als Schütze bestimmt war und wusste, in welche Ecke der polnische Torwart hechten würde. Und, natürlich, ob das denn das wichtigste Tor seiner Karriere war. „Bis jetzt schon“, sagt Vastic, und die österreichischen Reporter lachen.

Vastic wird bald 39, und es steht nicht zu erwarten, dass er noch so furchtbar viele und wichtige Tore für Österreich schießen wird. Aber eins darf’s schon noch sein, gerne am Montag in Wien. Im Spiel aller Spiele, dem letzten in der EM-Vorrunde gegen Deutschland. „Im Prater blühen wieder die Träume“, dichtete der sonst eher für handfeste Töne bekannte Wiener „Kurier“. Österreich träumt von einem Fußballwunder, dem Einzug ins Viertelfinale. Dem Aufstieg, wie es auf Österreichisch heißt. Das passt, nachdem Österreichs Fußball in den vergangenen Jahren tief hinab gestiegen ist.

Josef Hickersberger soll auch was erzählen. Wie er denn den Moment der Befreiung erlebt hat, den verwandelten Elfmeter, ausgerechnet von Vastic, den er, nicht ganz unumstritten, für die EM noch einmal reaktiviert hat. „Dieses Land ist ein freies Land und musste nicht durch einen Elfmeter befreit werden“, sagt der österreichische Trainer. Eine hübsche Pointe, aber Hickersberger denkt gar nicht daran, die Mundwinkel zu einem Lächeln zu verziehen. Er freut sich ja, aber für seinen Geschmack wird ein bisschen viel Theater gemacht um ein 1:1 gegen Polen. „Was haben wir denn erreicht? Nichts haben wir erreicht.“ Und richtig grantelig kann der freundliche Herr Teamchef werden, wenn ihm nun von allen Seiten eingeredet wird, seine Mannschaft gehe als Favorit in das Spiel gegen Deutschland.

Martin Harnik etwa, der junge Reservist von Werder Bremen, der seinem Klubmanager Klaus Allofs so gern über die österreichischen Zeitungen ausrichten lässt, was für eine großartige EM er spiele – Martin Harnik also hat nach dem Spiel gegen Polen sinngemäß gesagt, die Deutschen sollten sich jetzt mal ganz warm anziehen und sie hätten bestimmt die Hosen voll. „Die Deutschen? Gegen Österreich?“ Hickersberger schüttelt den Kopf und sagt, dass er mit dem Harnik mal ein Wörtchen reden werde, „mit solchen Äußerungen macht er sich keine Freunde“, jedenfalls nicht in der Familie Hickersberger.

In der Wiener U-Bahn brüllen rot-weißrot gewandete Fans in der Nacht zum Freitag immer wieder „Deutschland, Deutschland, Punktelieferant.“ Die österreichischen Zeitungen überschlagen sich mit Jubelbildern und -texten. Und alle wollen sie Josef Hickersberger einreden, seine Mannschaft sei psychologisch im Vorteil. „Ist schon interessant, wo wir jetzt überall krampfhaft Vorteile suchen“, sagt der Teamchef, und bei der Gelegenheit möchte er doch noch mal daran erinnern, wer da gegen wen spiele, am Montag im Prater: „Die Deutschen sind dreimal Weltmeister und dreimal Europameister geworden, die haben gegen Kroatien halt ein schlechtes Spiel gemacht“, na und? „Jeder, der die Deutschen kennt, weiß, mit welcher Einstellung und Motivation die gegen uns auf den Platz laufen werden.“ Gegen Österreich, den krassesten aller EM-Außenseiter, den sie vor ein paar Monaten noch ausgelacht hatten.

Gegen Polen nun haben die Österreicher gezeigt, dass sie konkurrenzfähig sein können. In der Abwehr mit den starken Innenverteidigern Emanuel Pogatetz und Sebastian Prödel (der gegen Polen allerdings die zweite Gelbe Karte sah und damit für das Spiel gegen Deutschland gesperrt ist). Im Mittelfeld mit dem schlauen Christoph Leitgeb und auch im Angriff, wo Ümit Korkmaz die österreichische Entdeckung dieses Turniers ist. Mit „Ü! Ü! Ü!“-Rufen feierten die Fans im Prater den kleinen Dribbler, der vor einer Woche auf dem Parkplatz des Mannschaftshotels einen Vertrag bei Eintracht Frankfurt unterschrieben hat.

„Wir bringen wieder junge Spieler heraus, die bei großen Vereinen begehrt sind“, sagt Hickersberger und dass er noch auf einige Transfers hoffe. Zu lange hätte sich Österreich in der Sonne einer Stadt weit weg in Argentinien gesonnt. Hickersberger hat mal vom „Fluch von Cordoba“ gesprochen. Er selbst war vor 30 Jahren dabei bei diesem 3:2-WM-Sieg über die Deutschen. „Die Herren im Verband haben doch tatsächlich geglaubt, sie müssten nicht in den Nachwuchs investieren, weil ihnen die Gnade der Geburt in jedem Jahrzehnt Ausnahmespieler wie Prohaska, Krankl oder Schachner bescheren würde.“

Es gab aber keine neuen Krankls, Prohaskas und Schachners. Hickersberger muss heute froh sein, dass er einen hat wie Vastic. Der war schon 1998 dabei, bei der letzten WM-Teilnahme. Damals hat er in der Nachspielzeit das 1:1 gegen Chile geschossen, mit Gefühl und weniger Wucht wie am Donnerstag. Gibt es Parallelen zu 1998? Hoffentlich nicht, sagt er, man wisse doch, wie die Sache ausgegangen sei. Österreich verlor das nächste Spiel gegen Italien und fuhr nach der Vorrunde nach Hause.

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