Überraschungen bei der WM : Die Kleinen proben den Aufstand

Team USA hat nicht einmal die Zwischenrunde der WM erreicht und auch Topfavorit Kanada strauchelte am Mittwoch überraschend gegen die Schweiz. Der Abstand zwischen großen und kleinen Eishockey-Nationen wird immer geringer.

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Kanadas Steve Downie (r.) streckt sich vergeblich: Der Schweizer Julien Vauclair ist eher am Puck.
Kanadas Steve Downie (r.) streckt sich vergeblich: Der Schweizer Julien Vauclair ist eher am Puck.Foto: ddp

In der National Hockey League (NHL) war Craig MacTavish ein knallharter Angreifer. Ein Haudegen alter Schule. Auch als es Neulingen in der besten Eishockey-Liga der Welt nicht mehr erlaubt war ohne Helm zu spielen, verzichtete der Kanadier auf dieses Ausrüstungsstück. Lange ist es her. Heute sieht MacTavish mit seinen grau melierten Locken eher wie der Typ braver Oberschullehrer aus, wenn er über seine Brille schaut und in der Mannheimer Arena die Auftritte von Team Kanada bei der Weltmeisterschaft analysiert.

Am Mittwochabend hatte MacTavish daran wenig Freude: 1:4 verlor der Olympiasieger im dritten Vorrundenspiel gegen die Schweiz. Das ist für das Eishockeyland Kanada eine Katastrophe, auch wenn im jungen Team von MacTavish ein paar ganz große Namen fehlen. "Die ersten zehn Minuten im Spiel gegen die Schweiz gingen ja noch", sagte Kanadas Coach. "Aber danach…"

Es ist schon erstaunlich bei dieser Eishockey-Weltmeisterschaft. Vielen Stars aus der NHL geht im munteren Ergebnis-Gaga die gute Laune verloren. Außenseiter Deutschland schlägt die USA, Eishockeyzwerg Dänemark die Finnen, Norwegen Tschechien und nun auch noch die kleine Schweiz gegen Kanada. Die Eishockeywelt rückt zusammen.

Schuld an dieser Entwicklung sind die großen nordamerikanischen Eishockeynationen selbst. Inzwischen spielen Dänen und Schweizer in der NHL und auch die Deutschen kommen nicht mehr ohne Profis aus Nordamerika aus. Steve Stamkos, das große kanadische Talent von den Tampa Bay Lightning, sagte in Mannheim: "Es scheint so, als ob alle Länder jedes Jahr ein Stück besser werden. Deshalb brauchen wir ein junges starkes Team, das für die Zukunft aufgebaut wird."

Crosby könnte nachkommen

Die kanadische Aufbauarbeit erfuhr aber nun einen empfindlichen Rückschlag, was auch Trainer MacTavish erstaunt. Olympiasieger Kanada hat mit Corey Perry zwar nur einen Spieler aus dem Finale von Vancouver dabei, trotzdem glaubt MacTavish an die Stärke seiner Mannschaft. "Der Unterschied zum Team von Vancouver ist nur die Jugend, aber nicht die Qualität", hat er dieser Tage gesagt. Trotz der Niederlage gegen die Schweizer sei immer noch "sehr optimistisch" für den weiteren Turnierverlauf. Ray Whitney, einer der erfahrenen Profis im NHL-Ensemble der Kanadier, war allerdings schon beim 5:1 zum Auftakt gegen die Italiener davon überrascht, "wie schnell der Gegner war, das waren alles gute Schlittschuhläufer."

Das erklärt aber nicht alles. Natürlich fehlt ein Sidney Crosby bei der WM, allerdings stehen bei Kanada und den USA keine Amateure, sondern andere NHL-Stars auf dem Eis. Auffällig ist, dass im modernen Eishockey mit einem enger werdenden taktischen Korsett gespielt wird. Die Schweizer haben es gegen Kanada vorgemacht: In der eigenen Zone wird dem Gegner kein Millimeter Platz gestattet und offensiv wurde es nach Kontern und im Überzahlspiel torgefährlich. Das funktionierte in der Vorrunde. Ob es darüber hinaus funktioniert?

Die Großen wollen es mit aller Macht verhindern. Auf Sidney Crosby müssen die Kanadier dabei aber auch weiterhin verzichten. Der Superstar, der Mittwochnacht mit Pittsburgh in den NHL-Play-offs ausgeschieden war, sagte am Donnerstag ab und wird nicht zur WM nach Deutschland nachkommen. Immerhin sind die Kanadier trotz der Blamage gegen die Schweiz in der Zwischenrunde. Für einen anderen Favorit auf den Titel kommt hingegen jede Hilfe zu spät: Die USA spielen nach drei Niederlagen aus drei Spielen nun in der Abstiegsrunde.

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