Sport : Übersteiger, Schwalben und viel Gel

Raphael Honigstein[Manchester]

Natürlich gewann Cristiano Ronaldo am Sonntagabend die Wahl zu Englands Fußballspieler des Jahres, die Auszeichnung für den besten Nachwuchsspieler holte er sich bei der Gelegenheit auch noch ab. Die Mitglieder der Spielergewerkschaft hatten den 22-Jährigen mit großem Vorsprung gewählt, auch ohne die Stimme seines Teamkollegen Wayne Rooney. Der hatte sich nach eigenen Angaben für Chelsea-Stürmer Didier Drogba und Cesc Fábregas von Arsenal entschieden.

Rooney und Ronaldo. War da nicht etwas? Im WM-Viertelfinale waren sie im Sommer 2006 in Gelsenkirchen als Gegner aufeinandergetroffen. Der Engländer trat Ricardo Carvalho in den Unterleib, Cristiano Ronaldo protestierte beim Schiedsrichter, es gab Rot für Rooney und jede Menge Empörung auf der Insel, weil der Portugiese nachher noch frech zu seiner Bank zwinkerte. In der völlig verdrehten Berichterstattung des englischen Boulevards wurde daraufhin Cristiano Ronaldo zum Hauptschuldigen für Englands Aus. Fernsehexperte Alan Shearer empfahl Rooney sogar, seinem Vereinskameraden „die Fresse zu polieren“.

Cristiano Ronaldo litt unter den Anfeindungen, am liebsten wäre er nach Spanien gewechselt. Doch United-Trainer Alex Ferguson ließ ihn nicht ziehen. Im Vorjahr hatte Ronaldo noch seinen Teamkollegen Ruud van Nistelrooy zur Weißglut getrieben, weil er den bereits zwei Mal verladenen Außenverteidiger lieber ein drittes Mal narrte, als scharf zu flanken. Doch der nun auch körperlich robustere Cristiano Ronaldo entwickelt inzwischen eine neue Klarheit und Effizienz in seinem Spiel. Seine Dribblings und 21 Saisontore machten United zum Tabellenführer der Premier League und brachten den Klub ins Champions-League-Halbfinale, in dem er heute den AC Mailand empfängt (20.45 Uhr, live im DSF). Und mit Rooney war Ronaldo schnell wieder versöhnt. Dass Rooney dem Sturmpartner die Stimme verweigerte, hatte übrigens rein administrative Gründe: Die Gewerkschaft verbietet die Wahl von Teamkollegen.

Mit Cristiano Ronaldos Durchbruch hat auch die Europäisierung des englischen Fußballs einen neuen Höhepunkt erreicht. Er ist Ausländer, trägt zu viel Gel in den Haaren und zu teure Kleidung, zu große Brillanten in den Ohren sowieso. Vom englischen Fairplay-Kodex hat er sich wenig beeindrucken lassen, Schwalben sind fester Bestandteil seines Schlitzohr-Repertoires. Zudem erniedrigt er die Gegner manchmal regelrecht; spätestens beim fünften Übersteiger schwingt ein bisschen Arroganz mit. So einen Leitkulturschänder hätten sie hier vor nicht langer Zeit mit Wonne kaputt getreten und mit Schimpf und Schande davongejagt, aber diese kleineren Mängel nimmt man nun geflissentlich in Kauf. Schönheit geht vor Idealismus. Man ist auf der Insel insgesamt ambivalenter geworden. Es gilt zum Beispiel das WM-Wort des ehemaligen Nationalspielers Ian Wright, wonach „Schwalben für England erlaubt“ sind.

Trotz wahnwitzig lukrativer Angebote aus Spanien gelang es den Red Devils kürzlich, mit Ronaldo bis 2012 zu verlängern: In Zukunft verdient er gut 9,5 Millionen Euro im Jahr. Kaum jemand wird United-Trainer Ferguson widersprechen, wenn er von Cristiano Ronaldo und dem Mailänder Kaká als den „zwei derzeit besten Spielern auf der Welt“ schwärmt. Im Old Trafford kommt es heute zum Duell der beiden Jungstars.

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