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Uefa berät in Nyon : Heute entscheidet sich die Zukunft von Michel Platini

Muss Michel Platini sich als Uefa-Chef und Fifa-Kandidat zurückziehen? Heute beraten Europas Verbände in Nyon über seine Zukunft.

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Im Kreise seiner Lieben. Michel Platini (Mitte) darf Präsident des europäischen Verbandes Uefa bleiben, obwohl er 90 Tage für alle Fußball-Aktivitäten gesperrt ist.
Im Kreise seiner Lieben. Michel Platini (Mitte) darf Präsident des europäischen Verbandes Uefa bleiben, obwohl er 90 Tage für alle...Foto: Imago/Zuma

Nyon ruht recht friedlich an den Ufern des Genfersees. Viel Aufmerksamkeit würde das Schweizer Städtchen mit seinen 20.000 Einwohnern kaum bekommen, wenn Nyon nicht der Sitz der Uefa wäre. In der Zentrale des europäischen Fußball-Verbandes entscheidet sich am heutigen Donnerstag das Schicksal von Michel Platini. Vertreter des europäischen Verbandes beraten darüber, ob sie den Franzosen weiter unterstützen, als Uefa-Chef und als Kandidaten auf die Fifa-Präsidentschaft. Denn Platini ist derzeit eigentlich wie der bisherige Fifa-Präsident Joseph Blatter für 90 Tage suspendiert.

Seit 11 Uhr tagt das Exekutivkomitee der Uefa in Nyon, ab 14 Uhr wollen sich alle 54 europäischen Verbände zusammensetzen und um 18 Uhr will Generalsekretär Gianni Infantino auf einer Pressekonferenz Auskunft geben. Entziehen die Europäer Platini ihr Vertrauen und stellen ihn zumindest für 90 Tage frei, wie es die Fifa mit Blatter getan hat, stellt sich auch die Nachfolge-Frage. Und wer künftig noch für den Fifa-Vorsitz kandidiert.

Zuletzt schwand der Rückhalt für Platini. Bis zum Treffen am Uefa-Sitz „soll Michel Platini Dinge ins Feld führen, die ihn entlasten“, hatte bereits DFB-Präsident Wolfgang Niersbach betont. Sollte der Uefa-Chef keinen Vertrag über eine erhaltene Zahlung von zwei Millionen Franken durch Blatter vorlegen können, „dann können wir ihn nicht länger unterstützen“, sagte das dänische Exekutivmitglied Allan Hansen dem „Ekstra Bladet“. Dass die Europäer aber wirklich eine Kehrtwende vollziehen, scheint nach ihrem bisherigen Verhalten aber unwahrscheinlich.

Platini darf an dem Treffen wegen seiner Sperre nicht teilnehmen, wohnt aber ohnehin in der Nähe von Nyon. Sein Präsidenten-Büro im Uefa-Sitz darf er ebenso wenig betreten wie Blatter seines in Zürich. Die Fifa-Ethikkommission hat die beiden mächtigsten Fußballfunktionäre der Welt am vergangenen Donnerstag für 90 Tage gesperrt. Doch die Umsetzung der Strafe unterscheidet sich in beiden Fällen auffallend deutlich. „Die Fifa handelt konsequenter“, sagt ein Insider aus dem Umkreis des Weltverbandes.

Keine zwei Stunden nach der Verkündung des Urteils stellte die Fifa Blatter als Präsidenten für 90 Tage frei und ernannte Issa Hayatou zum Interims-Chef. Wer auf der Fifa-Homepage auf einen Link zu Präsident Blatter klickt, landet nun bei Hayatous Foto. Die Europäer führen dagegen weiter Platini als ihren Chef, als sei nichts gewesen. Der Franzose hat zwar alle Termine abgesagt, weil er offiziell gar keine Fußball-Aktivitäten ausüben darf. Einen Vertreter – laut Statuten wäre das Vizepräsident Angel Maria Villar Llona aus Spanien – hat der Verband bisher nicht benannt. „Wenn die Uefa einen tätigkeitslosen Puppenpräsidenten behält, dann zeigt das nur, wie stark dort die alten Seilschaften sind“, sagt der Fifa-Insider. Die Europäer sind Platini offensichtlich treu ergeben. „Er ist immer noch unser Präsident“, sagt ein Uefa-Spitzenfunktionär vor dem Treffen. „Er ist nur provisorisch gesperrt und hat das Recht, Einspruch einzulegen.“

Michel Platini nennt seine Sperre eine „Farce“

Das hat Platini ebenso getan wie Blatter. Wie zu hören ist, könnte die Berufungskommission der Fifa zehn Tage brauchen, um darüber zu entscheiden. Danach stünde noch der Weg zum Sportgerichtshof Cas offen. Blatter, heißt es aus seinem Umfeld, hält sich weiter für unschuldig. Dabei läuft ein Schweizer Strafverfahren wegen Veruntreuung gegen ihn. Und die zwei Millionen Franken, die Blatter Platini 2011 zahlte, wirken verdächtig wie Schmiergeld zum Stimmenfang. Auch der beschuldigte Uefa-Chef nennt seine Sperre eine „Farce“, eine „politische Entscheidung, um meine Kandidatur für die Fifa-Präsidentschaft zu zerschmettern“. Wäre Platini bei Bewerbungsschluss am 26. Oktober noch gesperrt, fiele er wahrscheinlich durch die Integritätsprüfung des Weltverbandes für seine Kandidaten.

Während es in der Fifa scheint, als tobe ein Krieg zwischen Kräften, die Blatter verteidigen und jenen, die ihn loswerden wollen, hat Platini seinen eigenen Verband fest im Griff. „Wir vertrauen ihm“, sagt der Uefa-Spitzenfunktionär. „Sein Fall ist mit Blatters nicht zu vergleichen.“ Alles weitere jedoch, entschuldigt er sich, werde am Donnerstag entschieden, wenn sich alle Uefa-Verbände zu ihrer Notfallsitzung in Nyon treffen. Anders als zunächst zu hören war, wird Platini dort nicht sprechen. Denn das wäre aber ein klarer Verstoß gegen seine 90-Tage-Sperre, die durch seinen Einspruch nicht aufgeschoben ist. Es wäre spannend gewesen zu sehen, wie die Fifa reagiert hätte, wenn ihr Unterverband ihr Urteil derart mit Füßen getreten hätte. Neben Platini hätten alle beteiligten Uefa-Funktionäre gesperrt werden können.

Dass es die Europäer, die schon mal von einem eigenen Weltverband schwadronierten, wirklich zum großen Bruch kommen lassen, scheint jedoch unwahrscheinlich. Dafür verdienen sie zu gut mit an den WM-Turnieren. Und sie wissen, dass sie selbst nicht über alle Zweifel erhaben sind. „Die Uefa spuckt große Töne, aber hat selbst keine Reformen, keine Ethikkommission und den Finanzbericht eines Bienenzüchtervereins“, sagt der Fifa-Insider. Und Wolfgang Niersbach, Exekutivmitglied bei Fifa und Uefa, verstecke sich nur „hinter leeren Floskeln, ein Trauerspiel“. Der Chef des Deutsches Fußball-Bundes (DFB) deutete zuletzt an, die Fifa-Wahl im Februar 2016 könnte verschoben werden, und sagte, sein Freund Platini müsse nun Beweise vorbringen, um sich zu entlasten. Niersbach, immer wieder als Fifa- und Uefa-Chef gehandelt, scheut politische Streitthemen und will wohl lieber beim DFB bleiben, selbst wenn er bekniet würde. Auf Platinis Nachfolge hofft eher der Uefa-Vize Michael van Praag, ist aus den Niederlanden zu hören. Van Praag ist ein Freund Niersbachs. Und Freunde halten bei der Uefa zusammen.

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