Uefa-Cup : Die Freiheit beim Freistoß

Schon einmal traf der FC Bayern auf Aberdeen - und schied 1983 gegen die raffinierten Schotten aus. Ein Freistoß, von dem man noch heute spricht, spielte dabei eine große Rolle.

Sven Goldmann
Dieter Hoeneß
Dieter Hoeneß gegen Aberdeen-Torwart Jim Leighton. -Foto: imago

Berlin - Vor ein paar Jahren war Dieter Hoeneß mal wieder in Aberdeen. Über den Rasen des Pittodrie-Stadions ist er gelaufen, vom Kabinengang über die Mittellinie bis ans rechte Strafraumeck. „Genau hier war es“, hat Hoeneß gesagt und dann die Geschichte erzählt von einem Freistoß, der damals ganz Schottland bewegte. Bald 25 Jahre ist das jetzt her, aber Dieter Hoeneß kann sich noch immer an jede Einzelheit erinnern. An die Schotten Gordon Strachan und John McMaster und ihren Trick, von dem keiner so recht wusste, ob er denn nun einstudiert war oder einer spontanen Eingebung folgte.

Der Mittelstürmer Hoeneß trug an jenem 16. März 1983 das Trikot des FC Bayern München, es war nicht das angestammte rote Leibchen, sondern ein weißes, weil der gastgebende FC Aberdeen selbst in rot spielte. Noch heute, da die Bayern wieder mal zu einem Europapokalspiel in Aberdeen antreten (19 Uhr, live auf Pro Sieben), nennt sich der schottische Erstligist „Red Army“. Schon 1983 waren die Bayern mit Weltstars wie Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge als Favorit angereist. Es ging um den Einzug ins Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger. Zwar hatte Aberdeen aus dem Hinspiel in München ein 0:0 mitgebracht, dabei aber kaum einmal die Mittellinie überquert. So defensiv würden die Schotten vor heimischem Publikum nicht noch einmal auflaufen, das hatte ihr Trainer noch in München angekündigt. Ein junger, ungestümer Mann, der den offensiven Fußball liebte, sein Name Alex Ferguson.

Die 24 000 Zuschauer im ausverkauften Pittodrie veranstalteten einen Höllenlärm, Aberdeen stürmte vom Anstoß weg auf das Münchner Tor, aber Klaus Augenthaler schoss die Bayern bei einem Konter schnell in Führung. Eric Black gelang kurz vor der Pause der Ausgleich, aber nach einem schönen Volleyschuss von Hans Pflügler zur 2:1-Führung wähnte sich der FC Bayern eine Viertelstunde vor Schluss schon im Halbfinale. Es war der lange Mittelstürmer Dieter Hoeneß, der Pflüglers Tor mit einer Kopfballablage vorbereitet hatte.

Doch dann kam die 77. Minute und mit ihr der Freistoßtrick, von dem sie in Aberdeen heute noch reden.

Gordon Strachan, der schottische Spielmacher mit dem feuerroten Haar, lief an und trat über den Ball. Ihm folgte John McMaster, und der mochte ebenfalls nicht schießen. Beide schauten sie sich ratlos an, gestikulierten mit den Armen und trotteten zurück, hinaus aus dem Münchner Strafraum. Als Strachan die Stelle passierte, wo der Ball am Kreidedreieck scheinbar unbeachtet ruhte, da drehte sich der kleine Spielmacher mit dem feuerroten Kopf blitzschnell um die eigene Achse und flankte in die Mitte. Aus dem Hintergrund stürmte der lange Verteidiger Alex McLeish heran, er sprang höher als Augenthaler und wuchtete den Ball vorbei an Torhüter Manfred Müller, der ebenso überrascht war wie seine verteidigenden Kollegen. Der kleine Strachan hatte die großen Münchner ausgetrickst, wie er es zuletzt wahrscheinlich auf dem Schulhof getan hatte. Die Münchner zeigten Wirkung. Nur zwei Minuten später schob der gerade eingewechselte John Hewitt den Ball durch die Beine des bedauernswerten Müller zum entscheidenden 3:2 ins Münchner Tor.

Am nächsten Tag amüsierte sich die schottische Presse über die überheblichen Deutschen, und der „Glasgow Herald“ titelte: „Aberdeen zerschmetterte die Bayern im aufregendsten Spiel der Vereinsgeschichte.“ Es kamen noch drei aufregende Spiele dazu, im Halbfinale gegen die Belgier von Thor Waterschei und im Endspiel von Göteborg gegen Real Madrid, Aberdeen siegte 2:1. Ein Jahr später ging der großartige Strachan zu Manchester United, Trainer Ferguson folgte ihm weitere zwei Jahre später nach Old Trafford, wo er immer noch amtiert, als mittlerweile berühmtester Schotte seit Sean Connery. Gordon Strachan ist ebenfalls Trainer geworden, er arbeitet sogar in Schottland, aber nicht beim FC Aberdeen, sondern für Celtic Glasgow.

Aberdeen träumt immer noch von den alten Zeiten, doch es ist ruhig geworden im Pittodrie. Auch, weil die stimmungsvolle Beach-End-Tribüne vor 15 Jahren abgerissen wurde. Längst spielt der FC Aberdeen auch in der schottischen Liga nur noch eine untergeordnete Rolle. Nach 25 Spieltagen liegt die Red Army 23 Punkte hinter Spitzenreiter Glasgow Rangers auf Platz fünf. Wenn der FC Bayern heute in der Zwischenrunde des Uefa-Cups im Pittodrie-Stadion antritt, ist er ein noch viel größerer Favorit als vor 25 Jahren im Viertelfinale.

Gut fünf Jahre liegt Aberdeens letztes Europapokalspiel gegen eine deutsche Mannschaft zurück. Im September 2002 ging es gegen Hertha BSC und dessen Manager Dieter Hoeneß, Bayerns Mittelstürmer von 1983. Am Vorabend des Spiels inspizierte er das rechte Strafraumeck, aber die Geschichte hat sich nicht wiederholt. Gerade 10 000 Zuschauer kamen ins Pittodrie, Hertha ermauerte sich im Hinspiel der ersten Runde des Uefa-Cups ein 0:0 und gewann das Rückspiel durch ein Last-Minute-Tor von Michael Preetz 1:0.

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