Sport : Uefa-Cup: Ein Iraner erlöst Hertha BSC im kontinentalen Osten

Sven Goldmann

Es gibt Fragen, die sind um 18.12 Uhr hochbrisant und interessieren um 18.13 Uhr keinen Menschen mehr. Das war vor zehn Jahren beim Glücksrad nicht anders als gestern beim 2:1-Sieg von Hertha BSC im Uefa-Cup bei Zimbru Chisinau. Bis in den späten Nachmittag hinein hatte sich Herthas Trainer Jürgen Röber auf ein unangenehmes Verhör gefasst machen müssen: Warum haben Sie mit Alves den besten Stürmer ausgewechselt? Und: Warum durfte der schwache Sverrisson bis zum Schluss auf dem Platz bleiben? Röber mochte sich mit der Beantwortung dieser Fragen nicht weiter beschäftigen und delegierte sie weiter an sein kickendes Personal. "Die Antworten", sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß, "haben die Spieler auf dem Platz gegeben."

Das geschah in der 64. Minute. Da schoss der für Alves eingewechselte Ali Daei das Siegtor gegen den Moldawischen Meister, eingefädelt hatte das Ganze der zuvor so schwache Sverrisson. Und alle kritischen Fragen an Jürgen Röber verboten sich von selbst. Der Einzug in die zweite Runde dürfte beim Rückspiel am kommenden Donnerstag nicht mehr als eine Formsache sein.

2:1 in Chisinau - das klingt bescheiden, und so war es auch. Chisinau hatte durch ein Tor von Iepureanu nach zehn Minuten sogar mit 1:0 geführt. Tore von Michael Preetz (25. Minute) und eben Ali Daei bewahrten den selbsternannten G-15-Kandidaten Hertha BSC vor einer Blamage. Mit dem, was Manchester United, Real Madrid und Bayern München unter Fußball verstehen, hatte diese Veranstaltung vor 5000 Zuschauern, übersichtlich arrangiert im Nationalstadion von Chisinau, nur die bunten Leibchen der Spieler und das Regelwerk gemein. "Das ist gegen osteuropäische Mannschaften nun mal so", befand Hoeneß. "Zu meiner Zeit bei den Bayern war das nicht anders. Was wir da manchmal für Spiele hingelegt haben." Es folgte der in solchen Fällen obligatorische Hinweis darauf, dass "über die Qualität dieses Spiels schon morgen keiner mehr spricht", verbunden mit dem Zugeständnis, dass "das heute sicherlich kein Abend für Ästheten war". Auch die Spieler mochten sich nicht lange mit tiefgreifenden Analysen aufhalten. Eine kleine Auswahl: "Wir spielen im Uefa-Cup, und das zählen nur Siege" (Michael Preetz). "Hauptsache gewonnen" (Stefan Beinlich). "Wichtig war der Sieg, alles andere zählt nicht" (Michael Hartmann).

Nur einer wollte gar nichts sagen. Alex Alves beendete seinen Arbeitstag mit bösem Blick und ausgestrecktem Finger (es war nicht der mittlere) in Richtung Trainerbank und verschwand dann sofort in der Kabine. Selbst dem gemeinsamen Abendessen blieb er fern. Es war in der Tat nicht so leicht nachzuvollziehen, warum Alves schon kurz nach der Halbzeitpause nicht mehr mitkicken durfte. Bis dahin hatte er als einziger Berliner für so etwas wie Gefährlichkeit im Spiel nach vorn gesorgt, den Ausgleichstreffer durch Preetz mit klugem Zuspiel vorbereitet und manches schöne Dribbling hingelegt. "Das stimmt schon", sagte Röber. "Aber dazwischen hat er einfach zu viele Pausen eingelegt. Wenn es spielerisch nicht so richtig läuft, dann musst du wenigstens arbeiten. So aber geht das nicht."

Alex Alves war einer von zwei Verlieren in einer siegreichen Mannschaft. Für den anderen war das Spiel schon nach der ersten Halbzeit beendet. Josip Simunic hatte als zentrales Glied die Berliner Dreierkette in der Abwehr dirigieren sollen und machte dabei so ziemlich alles falsch. Sein erster Stellungsfehler ermöglichte den Moldawiern den Führungstreffer, sein zweiter hätte beinahe einen Foulelfmeter zur Folge gehabt. Mit Dick van Burik als zentraler Abwehrfigur lief es etwas besser, was aber wohl auch daran lag, das "die kleinen Wusel" (Hartmann) aus Moldawien immer müder wurden.

Für Hertha BSC war der Pflichtsieg von Chisinau, so unansehnlich er auch zustande kam, das erste Erfolgserlebnis in einem fremden Stadion in dieser Saison. Der letzte Auswärtssieg im Europapokalspiel liegt sogar 21 Jahre zurück. Damals hatte der Däne Henrik Agerbeck das Tor zum 2:1-Sieg beim Dukla Prag geschossen, und die Berliner stürmten anschließend bis ins Halbfinale. So weit sollten ihre Nachfahren im Jahr 2000 besser nicht denken.

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