Sport : Uefa-Cup: Englands SC Freiburg

Heinrich Geiselberger

Die Maul-und-Klauenseuche hatte Großbritannien im Griff. In den Abendnachrichten loderten die Scheiterhaufen, die Wiederwahl Tony Blairs war gefährdet und auch der Sport blieb nicht verschont. Traditionsreiche Pferderennbahnen wurden geschlossen, Rugbyspiele fielen aus und die Cross-WM wurde nach Belgien verlegt.

Nur der Betrieb in der Premier League lief ohne Beeinträchtigungen. Dabei wäre den Managern einiger englischer Grossklubs ein kleiner Eingriff gerade rechtgekommen. Würde man Teams aus den landwirtschaftlichen Regionen kurzfristig vom Spielbetrieb ausschließen, hätte die Mannschaft von Ipswich Town sie nicht mehr ärgern können. Die Mannschaft aus dem Südosten, deren Verbundenheit mit der Herkunft aus einer Agrarregion ein kickendes Kaltblut im Wappen symbolisiert, gilt als Überraschung der Saison. Letztes Jahr spielten die Blues noch gegen Mannschaften wie Huddersfield und Bristol, den englischen Äquivalenten zu Meppen und Osnabrück, in der Zweiten Liga. Jetzt ist Ipswich Town eher mit dem SC Freiburg vergleichbar. Denn nun hat sich der Klub für den Uefa-Cup qualifiziert - nachdem er Liverpool, Leeds und Arsenal einen langen Kampf um die beiden Champions-League-Plätze hinter Meister Manchester United geliefert hatte.

Diese Platzierung ist nicht die erste Überraschung in der 122-jährigen Vereinsgeschichte. 1961 führte Alf Ramsey, der nach dem WM-Sieg 1966 geadelt wurde, das Provinzteam in die Erste Liga, ein Jahr später wurde Ipswich Meister. Unter seinem Nachfolger Bobby Robson gelang 1978 der Sieg im FA-Cup, 1981 folgte der Triumph im Uefa-Cup. Seither dümpelte der Verein jedoch zwischen Erster und Zweiter Liga im Mittelmass.

Maßgeblichen Anteil an der Wiederauferstehung hat Torjäger Marcus Stewart. Der Aufstieg des 28-Jährigen verlief parallel zu dem des Vereins. Bevor er im Februar 2000 für die damalige Rekordablöse von 2,5 Millionen Pfund zu Ipswich kam, galt Stewart als ewiger Zweitligastürmer und kickte mehr schlecht als recht in Bristol und Huddersfield. Ein ehemaliger Trainer hat einmal über ihn gesagt, er könne nicht einmal richtig laufen, die Späher der großen Vereine ignorierten ihn regelmäßig. "Das hat mich nur noch mehr angespornt," sagt er heute. "Ich bin Ipswich so dankbar, dass sie mir im letzten Moment diese Chance gegeben haben." Das Vertrauen hat er ihnen zurückgezahlt. Mit 21 Toren, die er im Lauf der vergangenen Saison geschossen hat.

Geld ist nicht alles

Doch in der Philosophie von Ipswich-Manager George Burley ist nicht der Torjäger, sondern die Mannschaft der Star. Der 44-jährige Schotte spielte selbst 14 Jahre lang für Ipswich und trainiert das Team seit 1994. Burley setzt nicht auf teure Spieler, sondern auf gepflegtes Passspiel, Teamwork und Kontinuität. Die Mannschaft wurde nach dem Aufstieg kaum verändert und ist sehr gut eingespielt.

Auf die Frage, wie sein Team Woche um Woche gegen technisch und finanziell überlegene Mannschaften bestehen konnte, antwortet Burley beinahe philosophisch: "Geld ist nicht alles. Und Qualität hat nicht nur damit zu tun, wie einer gegen den Ball tritt. Qualität, das ist Engagement, Wille und Begeisterung." Der hagere Schotte, der trotz seiner graumelierten Haare jungenhaft wirkt, wehrt sich auch gegen den Vorwurf, wenn es eine Mannschaft wie Ipswich in die Nähe der Champions-League-Plätze schafft, dann könne es mit der Premier League nicht weit her sein. "Schaut Euch doch die Champions League an. Wir haben drei Klubs im Viertelfinale. Ich habe einfach eine gute Mannschaft - vom Torwart bis zu den Stürmern." Auch gegnerische Trainer, wie etwa Harry Redknapp von West Ham United, können mit Lob kaum an sich halten. "Exzellent, exzellent, einfach exzellent," spiele die Mannschaft aus der Provinz.

In Ipswich sollten sie ob so vieler Lorbeeren allmählich vorsichtig werden. Nach ihren großen Erfolgen wurden nämlich die Erfolgscoaches Ramsey und Robson jeweils vom englischen Verband geködert. Mit der englischen Nationalmannschaft ging es dann jedesmal bergauf - mit Ipswich Town jedoch in die entgegengesetzte Richtung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben