Sport : Uefa droht England: Randale für England gefährlicher als Rumänen

Hartmut Scherzer

Kevin Keegan malte ein düsteres Szenario: "Nicht auszudenken: Wir gewinnnen das Spiel und fliegen doch aus dem Turnier. Wir schämen uns für diese Krawallmacher." Die eigenen Hooligans sind über Nacht ein gefährlicherer Gegner für England geworden als die Rumänen. Kevin Keegan und seine Mannschaft gehen daher heute in Charleroi mit unguten Gefühlen und ungewöhnlichem Ballast in das letzte und entscheidende Gruppenspiel. "Ich sehe meine Spieler ungewohnt nachdenklich", teilte der besorgte Teammanager seine Beobachtung mit. Gestern, als die Mannschaft aus Spa ins Ausweichquartier nach Waterloo reiste, war in den Gesichtern der Schrecken über die zum Politikum gewordene Abmahnung abzulesen. In ihrer heilen Welt haben die Fußballer auf einmal die Turbulenzen jenseits des Spielplatzes wahrgenommen.

Sie könnten direkt davon betroffen werden. Die eigenen Landsleute außerhalb des Stadions, diese "besoffene Horde", so die Zeitung "News of the World", sind plötzlich zur großen Gefahr für die Nationalmannschaft geworden. "Wir lassen uns den Einzug ins Viertelfinale nicht mehr nehmen", hatte der Teammanager glückselig nach dem historischen 1:0 über den Titelverteidiger Deutschland verkündet. Nun ist sich Kevin Keegan da nicht mehr so sicher, nachdem die Uefa mit Ausschluss drohte. Gegen Rumänien, das obendrein ohne seinen gesperrten Superstar und Spielmacher Gheorghe Hagi antreten muss, würde den Englänern bereits ein Unentschieden für die Runde der letzten acht reichen. Doch der sportliche Erfolg droht hinfällig zu werden, wenn die englischen Hooligans wieder zuschlagen.

Nun sind nicht Keegan und seine Spieler für den Ausnahmezustand in den Straßen und auf den Plätzen von Brüssel und Charleroi verantwortlich. Nur wenig Verständnis hatte daher der 49-Jährige für die aus seiner Sicht überzogene Reaktion der Uefa: "Wenn man dafür die Spieler bestraft, wäre das eine schwere Niederlage für den Fußball." Derweil verlas der Exekutiv-Direktor der Englischen Football Association, David Davies, im bisherigen Quartier der Engländer in Spa als Reaktion auf die Uefa-Drohung einen flammenden Appell an Regierung und Hooligans: "Wir wollen Teil eines sicheren Fußball-Festivals bleiben, wie wir es 1996 im eigenen Land erlebt haben. Wir verurteilen die Gewalttätigkeit der Kriminellen auf das Schärfste. Unser Manager Kevin Keegan hat die Fans mehrfach zu Verantwortung und Besonnenheit aufgerufen. Wir wiederholen diesen Aufruf im Namen eines jeden englischen Spielers bei diesem Turnier."

Nur Randnotizen sind die üblichen Personalfragen vor einem Spiel. Stevan Gerrard soll Paul Ince ablösen. Bei Steve McManaman besteht die Hoffnung, dass er fit wird. Dann müsste Dennis Wise aus dem Mittelfeld weichen. Verletzt ist nur Tony Adams - und, schlimmer als jede Zerrung und jeder Riss, verletzt sind der Stolz und das Ansehen des englischen Fußballs.

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