Uefa-Pokal : Bremen blutet

Werder missrät das Finale um den Uefa-Cup. Das 1:2 nach Verlängerung gegen Schachtjor Donezk bedeutet, dass das DFB-Pokalendspiel nun die letzte Chance der Bremer auf eine erfolgreiche Saison ist.

Sven Goldmann[Istanbul]
Finale Uefa-Pokal: Schachtjor Donezk - Werder Bremen
Werder am Boden. Bremens Spieler müssen sich für das Finale des DFB-Pokals noch einmal aufrappeln.Foto: ddp

Es war schon weit nach Mitternacht, als der Bremer Fußballtorwart Tim Wiese durch die Katakomben des Sükrü-Saracoglu-Stadions stapfte. Immer der Nase nach in Richtung Mannschaftsbus, dessen Dieselschwaden einen Kontrast bildeten zum kühlen Wind, der vom Marmara- Meer herüberblies. In der Hand hielt Wiese eine silberne Cola-Dose, er tätschelte so liebevoll, wie er es gern mit dem Uefa-Cup getan hätte, einer riesigen Silbervase, von der sein Kollege Torsten Frings gelogen hatte, sie sei so schön, dass sie unbedingt mit müsse nach Bremen. Es ist nichts geworden mit dem Pokal für den SV Werder. Das silberne Blechungetüm steht künftig in der Vitrine von Schachtjor Donezk, und daran war der Bremer Fußballtorwart Tim Wiese nicht unbeteiligt.

Vor sechs Jahren hat er schon einmal im Sükrü-Saracoglu-Stadion auf der asiatischen Seite Istanbuls gespielt, damals mit der U-21-Nationalmannschaft. Nach einem späten Tor, das die Qualifikation für die Europameisterschaft bedeutete, lief Wiese mit ausgestreckten Armen über den ganzen Platz. Die türkischen Zuschauer fühlten sich provoziert, die Ordner im Innenraum auch, es kam zu selten erlebten Jagdszenen auf die deutschen Spieler, und Wiese war am nächsten Tag der meistgehasste Mann in Istanbul.

In der Nacht zu Donnerstag hat sich niemand über Wiese aufgeregt, nicht mal die eigenen Mitspieler. Mit mehr Glück als Spielkunst hatten die Bremer gegen die Ukraino-Brasilianer aus Donezk lange ein 1:1 gehalten. Schachtjor spielte, Werder verwaltete. Bis zu jener achten Minute der Verlängerung, als Jadson frei zum Schuss kam, Wiese in die rechte Ecke flog, den Oberkörper durchbog, die Arme streckte, so weit es eben ging, aber es ging nicht weit genug. Die Fingerkuppen des Bremer Torhüters minderten nur die Wucht des Balles, der scheinbar in Zeitlupe über die Linie trudelte zum in dieser Szene glücklichen, insgesamt aber hochverdienten 2:1-Siegtreffer. „Mit ein bisschen Glück habe ich den“, sagte Wiese und tätschelte seinen Pokalersatz, die silberne Cola-Dose.

Dieses Tor, erzielt von einem der fünf Brasilianer in ukrainischen Diensten, es erzählte in seiner Entstehung und Vollendung die Geschichte des gesamten Spiels. Wie so oft hatte der überragende Kroate Dario Srna den Angriff inszeniert, wie so oft über Werders schwache linke Abwehrseite. Aber wenn alles normal gelaufen wäre oder noch ein bisschen besser, wenn also Tim Wiese einen Meter weiter hinten gestanden und die Arme ein wenig länger gestreckt hätte, dann wäre dieses Tor wohl nicht gefallen. Und Werder wäre vielleicht durchgekommen bis ins Elfmeterschießen. Wie vor ein paar Wochen im Halbfinale des DFB-Pokals, als Tim Wiese im Entscheidungsschießen gleich drei Hamburger Schüsse parierte und zum Helden des Abends wurde.

Es ist aber nicht gut gelaufen für Werder. Nicht in der alles entscheidenden Szene wie auch nicht im gesamten Spiel. Die Bremer waren eine schlechte Kopie jener Mannschaft, von der Herthas Trainer Lucien Favre behauptet, sie gehöre „in Ballbesitz zu den besten in Europa“. In Istanbul wussten die Bremer wenig anzufangen mit dem Ball, sie traten ihn lieblos über den Rasen, und ihre einzige Stärke bestand darin, dem technisch überlegenen Gegner von der zweiten Halbzeit an den Spaß am Spielen zu nehmen. „Das war nicht das Werder, das wir alle kennen“, sagte der Bremer Manager Klaus Allofs.

Schuldige wurden gesucht und waren leicht auszumachen. Nicht so sehr Tim Wiese, der zwar in der entscheidenden Szene schlecht aussah, seine Mannschaft zuvor aber mit einigen gewagten Paraden im Spiel gehalten hatte. Was aber war mit Torsten Frings, vor drei Jahren bei der WM in Deutschland noch einer der besten defensiven Mittelfeldspieler der Welt? In Istanbul war er, wieder einmal, ein Führungsspieler, der nicht führte. Und wo hatte sich Mesut Özil 120 Minuten lang versteckt? Die halbe Verwandtschaft saß auf der Tribüne, aber Werders türkischstämmiger Mittelfeldbegabung gelang fast gar nichts.

Özil kam ein paar Minuten nach Wiese aus der Kabine. Die türkischen Journalisten stürzten sich mit ihren Mikrofonen und Kameras auf ihnen, „Mesut!, Mesut!“, aber Özil stöpselte den Ohrhörer seines MP3-Players in die Ohrmuschel und lief wortlos-tapfer den Dieselschwaden des Mannschaftsbusses entgegen. Auf seinem Weg dorthin passierte er Diego, Werders gesperrten Spielmacher, den er im Finale hatte ersetzen sollen und doch nie ersetzen konnte. „Mesut ist ein großer Spieler, heute ist ihm manches geglückt und manches nicht“, sagte der Brasilianer, der vor dem Finale angekündigt hatte, er werde Bremen am Saisonende definitiv verlassen. Nach seinem Abschied werde „Mesut dann vielleicht den Raum haben, den er braucht für sein Spiel“. Manager Allofs versuchte gar, Özils missratenen Auftritt als pädagogisch wertvolle Lektion zu verbuchen: „Es gehört zur Entwicklung eines großen Spielers, dass er auch Spiele macht, in denen er sich nicht durchsetzt.“

Eine Chance bleibt den Bremern noch, die bescheidene Saison zum halbwegs guten Ende zu bringen. Am kommenden Samstag geht es in Berlin im Finale um den DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen, eine auf zweite Plätze abonnierte Mannschaft. Und schon morgen könnte Werder theoretisch einen ersten verhindern. Ein Bremer Sieg im Bundesligafinale beim VfL Wolfsburg würde der Meisterschaft noch eine unerwartete Wende geben. Aber wer mag daran glauben nach dem blutleeren Auftritt von Istanbul? Nach der verpassten Chance, das letzte Uefa-Cup-Finale und das erste überhaupt auf asiatischem Boden zu gewinnen? Auf diese Frage hatte Torsten Frings gerade noch gewartet. „Also, das ist das letzte, woran wir heute denken“, blaffte der auf dem Platz diesmal so antriebslose Antreiber und stapfte hinfort in die Istanbuler Nacht.

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