Sport : Uefa-Pokal: Kurzarbeit auf der Baustelle

Klaus Rocca

Normalerweise ist Jürgen Röber ein Temperamentsbündel. Dann springt er von der Bank auf, gestikuliert wild und tritt erbost gegen den nächststehenden Gegenstand. Gestern Abend musste er das nicht tun. Da saß er mit verschränkten Armen seelenruhig auf seinem Platz, sein Gesicht verriet eher Langeweile, fast schon Desinteresse. Das kam nicht von ungefähr. Schon früh zeichnete sich das ab, was allgemein erwartet worden war: Die von Röber trainierten Fußballer von Hertha BSC ließen sich von Moldawiens Vertreter Zimbru Chisinau nicht mehr den Weg in die zweite Runde des Uefa-Pokals versperren. 2:1 im Hinspiel, gestern im Olympiastadion 2:0 (2:0) - die erste Hürde war für die Berliner in ihrem 50. Europapokalspiel nicht sonderlich hoch. Am 26. Oktober/9. November dürfte es gegen einen dann sicher renommierteren Gegner ungleich schwerer werden.

Solche Spiele wie das gestrige sind undankbar. Wenn, wie beim 2:0 schon nach 26 Minuten, alles klar, die Luft raus ist, dann spielt man als Gastgeber nur noch so, dass die Zuschauer nicht pfeifen. Sie taten es dennoch, wenn auch zurückhaltend. Für ihr (ermäßigtes) Eintrittsgeld hätten sie gern mehr gesehen, doch wer wollte es den Herthanern verdenken, dass sie mindestens einen Gang zurückschalteten. "Im Unterbewusstsein ist man eben schon durch. Da lässt man sich ein wenig hängen", kommentierte Röber später fast entschuldigend das Geschehen. Und schließlich habe man bei diesen englischen Wochen auch mit den Kräften haushalten müssen. Schon am Sonntag geht es um Bundesligapunkte auswärts gegen die SpVgg. Unterhaching.

Allzu viele Kräfte mussten die Herthaner nicht mobilisieren. Stefan Beinlich und Marko Rehmer waren erst gar nicht dabei, Michael Preetz und Dariusz Wosz kamen erst nach der Pause, als Alex Alves und Sebastian Deisler auf der Bank Platz nehmen durften (oder mussten). Die, die dabei waren, absolvierten eher ein munteres Trainingsspielchen. Nicht, dass Chisinau nun ein billiges Opfer gewesen wäre. Wie die Moldawier zeitweilig, besonders vor der Pause, mit überfallartigen Angriffen die reichlich desorientierte Hertha-Abwehr von einer Verlegenheit in die andere stürzten, das war schon sehenswert. Arhire schoss dabei ans Lattenkreuz, vier, fünf weitere klare Torchancen gestatteten die Berliner den Gästen. Doch allzu viel konnten die Moldawier damit nicht anfangen.

Ihr Pech war zudem, dass ihre Abwehr noch ein wenig konfuser wirkte als die Herthas. Beim 1:0 durch Michael Hartmanns Linksschuss ins rechte Toreck waren einige Deckungsspieler überhaupt nicht im Bilde, beim 2:0 durch Ali Daeis Kopfball unter die Latte irrte Torhüter Romanenco bei einer "Kerze" eines seiner Mitspieler durch den Strafraum, als suchte er alles andere, nur nicht den Ball. Daei, im Hinspiel Schütze des Siegestores, nahm das Geschenk dankbar an. Danach, es war nicht einmal ein Drittel der Spielzeit abgelaufen, hätte der gute bulgarische Schiedsrichter Dobrinow eigentlich abpfeifen können. Die Sache war gelaufen, was folgte, war auf beiden Seiten nur noch biederes Gekicke. Und selbst dabei fielen Spieler wie Kai Michalke und Andreas Schmidt sogar noch negativ auf. Eyjölfur Sverrisson traf wenigstens noch einmal die Latte.

Doch wer konnte es den Herthanern verübeln, dass sie nicht mehr taten, als sie mussten. Fußballästheten kamen weder in Chisinau noch gestern auf der Baustelle Olympiastadion auf ihre Kosten. Herthas Schatzmeister bei offiziell 23 618 Zuschauern - die Dauerkarten-Besitzer mitgerechnet - auch nicht.

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