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Ukraine bei den Paralympics : Ein-Mann-Protest in Sotschi

Das ukrainische Team bleibt doch bei den Paralympics in Sotschi, droht aber mit Abreise – die Athleten beider Länder verstehen sich blendend. Zur Eröffnungsfeier kommt aber nur ein ukrainischer Athlet.

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Allein mit der Fahne: der ukrainische Athlet Michailo Tkatschenko bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2014 in Sotschi.
Allein mit der Fahne: der ukrainische Athlet Michailo Tkatschenko bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2014 in Sotschi.Foto: dpa

Sie wollten präsent sein und waren es doch nicht, aber das war ja gerade der Clou: Aus Protest erschien statt des 31 Athleten umfassenden ukrainischen Teams nur ein einziger Mann zur Eröffnungsfeier der Paralympics 2014: Fahnenträger Michailo Tkatschenko. Der Biathlet und Skilangläufer verzog beim Einmarsch der 45 Nationen ins Fischt-Stadion von Sotschi kaum eine Miene, wurde aber vom Publikum mit reichlich Applaus bedacht – mehr Jubel gab es nur für das russische Team.

Die übrigen Angehörigen der ukrainischen Delegation blieben der Zeremonie fern. Bei Wladimir Putins Eröffnungsrede waren sogar einige Buhrufe zu hören. Die Deutschen verzichteten als Zeichen des stillen Protests bei der Zeremonie auf das ursprünglich angedachte Tragen von Fähnchen. Nur Skiläuferin Andrea Rothfuss schwenkte ein großes Banner in Schwarz-Rot-Gold.

Lange war es zuvor hin und hergegangen, bis sich die die ukrainischen Paralympioniken entschieden hatten, doch an den Winterspielen von Sotschi teilzunehmen. „Es war eine Entscheidung der Mannschaft“, sagte der Vorsitzende des nationalen ukrainischen paralympischen Komitees, Waleri Suskewitsch vor der Eröffnungsfeier am Freitag. Diese Entscheidung sei auch ein Appell an alle Politiker, die Lage auf der Krim nicht eskalieren zu lassen. In den vergangenen Tagen hatte es aus dem ukrainischen Team Stimmen gegeben, nach denen eine Abreise wahrscheinlich sei, wenn Russland seine Truppen nicht von der Halbinsel Krim abziehe.

„Ich hoffe, dass der Wunsch nach Demokratie und Menschenrechten und nach Frieden erhört wird“, sagte Suskewitsch vor rund 300 Journalisten. Suskewitsch sprach sehr emotional. Die meisten Athleten hätten es abgelehnt, zur Pressekonferenz zu erscheinen, da sie Angst gehabt hätten, ihre Tränen nicht zurückhalten zu können, sagte er und erinnerte an die olympische Grundregel, dass bei den Spielen kein Krieg geführt werden dürfe. In diesem Sinne forderte er den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf, die Lage in den nächsten zwei Wochen nicht eskalieren zu lassen.

Kommt es zum Krieg, reist die Ukraine direkt aus Sotschi ab

Erst am Vortag habe er in einem Gespräch mit ihm darum gebeten – auch weil sich unter den Athleten zahlreiche Kriegsversehrte befänden. Er hätte das Gefühl, Putin habe ein offenes Ohr für ihn gehabt, sagte Suskewitsch, denn: „Ein militärischer Konflikt zwischen dem Ausrichter und einem Teilnehmer der Paralympics wäre in der Geschichte beispiellos.“ Sollte dieser Fall eintreten, werde die ukrainische Mannschaft sofort und geschlossen abreisen.

„Wir sind begeistert von der ukrainischen Entscheidung. Wir wollen, dass der Sport im Mittelpunkt steht“, sagte der Chef des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Philip Craven. Unabhängig davon drohen den Ukrainern aber Sanktionen durch das IPC. Es werde geprüft, ob Teammitglieder am Donnerstagabend bei ihrer offiziellen Willkommens-Zeremonie im Athletendorf in Krasnaja Poljana gegen die Charta der Spiele verstoßen hätten, weil sie laut ihre Nationalhymne mitgesungen und mit Sprechchören („Frieden für die Ukraine“) auf sich aufmerksam gemacht hätten.

Der Krim-Konflikt spaltet zwar Ost und West. Doch im Alltag des Kurorts Sotschi, der nur 400 Kilometer von der Schwarzmeer-Halbinsel entfernt ist, spielt er kaum eine Rolle. Russische und ukrainische Sportler vor Ort verstehen sich derweil blendend, spielen zusammen Tischtennis und hoffen gemeinsam auf eine friedliche Lösung des Konflikts um die Krim. Selbst die ukrainische Chefin de Mission ist Russin.

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