Ukraine prüft Boykott : Die Krim-Krise erreicht die Paralympics

Kurz vor Beginn der Paralympics in Sotschi sagen viele Politiker ab. Das ukrainische Team geht noch weiter: Es prüft den Boykott der Spiele.

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Finstere Miene. Die politischen Hintergründe der Paralympics in Sotschi drücken bei manchem auf die Stimmung.
Finstere Miene. Die politischen Hintergründe der Paralympics in Sotschi drücken bei manchem auf die Stimmung.Foto: Thilo Rückeis

Die Welt hält den Atem an, doch unten am Meer in Sotschi und im russischen Bergort Gorki Gorod weht nur ein laues Lüftchen. Da werben zwischen den bunten Dächern mit blauen und grünen Ziegeln große Plakate für die Schlitteneishockeyspiele – die Russen lieben Eishockey. Touristen flanieren fröhlich zum Lift, während die deutsche paralympische Nationalmannschaft vor den schneebedeckten Bergkuppen trainiert. Auf den Straßen ist anders als auf der Krim kaum Militär zu sehen, nachts patrouillieren aber Sicherheitskräfte entlang der Schnellzugschienen. Selbst wenn es beim Durchschreiten der Sicherheitsschranke in der Shoppingmall piept, kümmert das keinen: Gelassenheit im zentralen Ort der Paralympics in Sotschi.

Doch fährt man weiter hinauf zum Skiort Rosa Chutor, werden Besucher intensiver kontrolliert als auf Flughäfen: Sogar Handys werden auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft. Über den Winterparalympics im russischen Schwarzmeerort Sotschi rund 450 Kilometer von der ukrainischen Halbinsel Krim entfernt liegt eine Spannung wie nie zuvor.

Die USA und die Briten haben angekündigt, dass Regierungsmitglieder wegen des russisch-ukrainischen Konfliktes die Spiele nicht besuchen werden. Die Unbeschwertheit fehlt auch, weil Vertreter der europäischen Königshäuser wie der britische Prinz Edward, Schwedens Kronprinzessin Victoria, die norwegische Prinzessin Martha Louise und auch Vertreter der niederländischen Königsfamilie nicht nach Sotschi fliegen. „Das ist total schade, aber wenigstens kann ich dem Prinzen bei einem Treffen in Moskau nach den Spielen von unseren Wettkämpfen berichten“, sagte die britische Fechterin und eine der Fackelträgerinnen, Gemma Collis, dem Tagesspiegel.

Ukraine prüft Boykott der Spiele

Nach Informationen dieser Zeitung prüft jetzt das Team Ukraine einen kurzfristigen Boykott der Spiele. „Wenn sich am Tag der Eröffnungsfeier, dem 7. März, an der Lage auf der Krim nicht Entscheidendes geändert hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass alle 31 Athleten des Teams Ukraine den Spielen fernbleiben“, sagte die Sprecherin des Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) der Ukraine, Nataliya Harach, dem Tagesspiegel. „Wir können das mit unserem Herzen nicht vereinbaren, dass wir zu Wettkämpfen in einem Land antreten, das sich in unserer Heimat kriegerisch verhält.“ Die Athleten seien wegen der aktuellen Lage traurig und beunruhigt – aber auch frustriert, „wenn vier Jahre Training vergeblich wären“, man habe aber letztlich emotional keine andere Wahl. NPC-Präsident Valeriy Sushkevich führt laut Informationen dieser Zeitung Gespräche auf höchster Ebene. Ob der Veranstalter, das Internationale Paralympischen Komitee (IPC), von den Überlegungen schon weiß, war bei Redaktionsschluss unklar. IPC-Präsident Sir Philip Craven bedauerte jedenfalls die Absagen der Politik, es gehe doch um Sport – und die Förderung der Inklusion von Menschen mit Behinderungen durch das Ereignis Paralympics.

In Sotschi verfolgen alle die Entwicklungen in der Ukraine

Die Funktionäre der Ukraine trifft man in ihrer gelbblauen Teamkleidung ganz alltäglich beim Shoppen. „Wir haben keine besonderen Sicherheitskräfte dabei, und wir fühlen uns ganz normal in der großen paralympischen Familie hier an den Sportstätten wohl“, sagt Nataliya Harach. Vom 7. bis 16. März wollen mehr als 600 Sportler aus 47 Nationen in Sotschi starten.

Derweil forderten die Grünen auch einen deutschen Regierungsboykott der Paralympics. Bundespräsident Joachim Gauck hatte – sehr zur Frustration der deutschen Mannschaft mit 13 Athleten und 50 Teammitgliedern – bereits vor Monaten sein Fernbleiben erklärt, allerdings ohne politische Begründung. Bisher hält die Bundesregierung laut Agenturberichten von epd und dpa an ihren Plänen fest, eine politische Delegation zu den am Freitag beginnenden Winterspielen zu schicken: Der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium Ole Schröder (CDU) und Ministeriumsvertreter wollen kommen. Man habe sich im Bereich des Behindertensports sehr engagiert, politische Gespräche seien nicht geplant. Auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, die blinde mehrfache Paralympics-Biathlonsiegerin Verena Bentele, will am Donnerstag nach Sotschi reisen. Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Friedhelm Julius Beucher hält einen Boykott nur dann für sinnvoll, wenn sich viele Nationen beteiligten.

In Sotschi verfolgen natürlich alle die Entwicklungen in der Ukraine – nur die Soldaten scheint die Krise auf der Krim kaum zu interessieren. Die kaugummikauenden Armeeangehörigen im Zug nach Sotschi finden schon die Frage nach der Krim komisch. „Läuft alles wie geplant“, sagt einer. „Und die Sicherheitsvorkehrungen sind nicht stärker als bei Olympia.“

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