Sport : Ulrike Lotz-Lange meistert durch den Sport ihr schweres Schicksal

Helen Ruwald

Das Florett fährt durch die Luft, wehrt die gegnerische Waffe ab. Ulrike Lotz-Lange ruckt nach vorne, sticht zu. Das rote Lämpchen der elektronischen Anzeige, mit der die Brokatweste der Gegnerin verkabelt ist, leuchtet auf. Treffer. Punkt für Ulrike Lotz-Lange. Ihr Oberkörper ist nach vorne gekippt, so hängt sie, bis ein Helfer sie behutsam zurückzieht. Die 35-jährige Fechterin sitzt im Rollstuhl, beide Beine und Arme sind gelähmt. Das Florett steckt in einem Spezialhandschuh, weil Ulrike Lotz-Lange nicht greifen kann. "Die Bewegung kommt aus den Schultern und über den Bizeps. Mit dem Kopf kann ich Schwung holen und mich nach vorne schmeißen. Aber der Treffer muss dann sitzen", erzählt sie.

Am Wochenende kam sie aus der Nähe von Kiel zu einem vom OSC ausgerichteten Qualifikationsturnier für die Paralympics. In der Wittenauer Toulouse-Lautrec-Schule sammelten Fechter aus der ganzen Bundesrepublik Punkte in Florett, Degen und Säbel.Seit 1963 gibt es Rollstuhlfechten in Deutschland, derzeit sind rund 30 Frauen und Männer aktiv. Die besten gehören zur Weltspitze, so wie der Göttinger Uwe Bartmann, der am Wochenende in allen drei Disziplinen siegte. Als der 37-Jährige vor 20 Jahren mit dem Fechten anfing, schlug er bei Angriffen "hektisch und blöd" um sich, inzwischen hat er an vier Paralympics teilgenommen war Vizeweltmeister im Degen-Einzel und Mannschaftsweltmeister.

In Bartmanns Anfangszeit war Behindertensport noch nicht sehr weit verbreitet. Inzwischen trainieren "Fußgänger" und "Rollis", wie sie sich selber nennen, an vielen Orten gemeinsam. Bartmann und Lotz-Lange fahren mehrmals im Jahr ins Leistungszentrum nach Tauberbischofsheim. Gegner sind dort Top-Fechter, die dann ebenfalls im Rollstuhl sitzen. Die Rollstühle sind in Halterungen verankert und werden beim Fechten nicht bewegt. Wer versucht aufzustehen und das Gesäß hebt, bekommt Gelb. Integration ist dem Cheftrainer der Rollstuhlfechter, Gabriel Nielaba, wichtig, "mein Ziel sind noch mehr Mischturniere". Die Nicht-Behinderten, die sonst bei Angriffen einen Schritt zurück machen können, üben beim gemeinsamen Training Nahkampfsituationen, die Behinderten steigern sich an stärkeren Gegnern. Beate Blindow, die Vorsitzende der OSC-Fechter, will Rollstuhlfechten in der nahen Zukunft in den Verein integrieren.

Die Erfolge - und auch die Tatsache, dass sie überhaupt Leistungssport betreiben - stärken das Selbsbewusstsein der Athleten. Ulrike Lotz-Lange sei ein Paradebeispiel dafür, was im Fechten möglich sei, sagt Nielaba. Die fröhliche Frau mit Brille, Ohrringen und Pferdeschwanz konnte früher laufen, fuhr sogar Kunstrad. Seit 18 Jahren sitzt sie wegen einer Entzündung im Rollstuhl.

Freunde begleiten sie zu Turnieren, stülpen ihr die schwarze Fechtmaske über das Gesicht, ziehen sie nach einem Angriff zurück und halten ihr in den Wettkampfpausen einen Trinkbecher an die Lippen. Alles eine Frage der Organistion - und die funktioniert tadellos. Beim Turnier in Wittenau gibt es niemanden mit einer ähnlichen Behinderung, Ulrike Lotz-Lange hat es ausschließlich mit Gegnern zu tun, die ihre Arme bewegen können. "Manchmal trickse ich sie trotzdem aus", sagt sie lachend. Sechste wird sie im Florett. Der Countdown für Sydney 2000 hat begonnen.

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