Ultras : "Beckenbauer sollte Stadionverbot bekommen, nicht wir"

Der harte Kern der deutschen Fußballfans liegt gerade im Clinch mit dem DFB. Zwei Vorsänger von Hertha und Dynamo Dresden erklären, warum das so ist.

Christian Spiller
Harscher Protest in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions. Foto: dpa
Harscher Protest in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions.Foto: dpa

Laut Klischee mögen sich gegnerische Fußballfans nicht, manche hassen sich angeblich sogar. Die beiden Vorsänger von Dynamo Dresden und Hertha BSC aber sitzen recht einträchtig nebeneinander. Die Capos, wie sie genannt werden, kennen und verstehen sich. Auch, weil sie ein gemeinsames Anliegen haben. "Fick dich, DFB" steht derzeit auf Transparenten der Ultras. Das ist derb in der Wortwahl, die Anliegen der organisierten Fans aber teilen auch viele normale Stadiongänger. Heidi aus Berlin und Lehmi aus Dresden möchten ihre echten Namen nicht auf ZEIT ONLINE lesen, deswegen nennen wir sie bei ihren Spitznamen. Die beiden gehören zu den führenden deutschen Fans, die womöglich bald mit dem DFB am Tisch sitzen werden, um über den Konflikt mit dem Fußballverband zu sprechen. Vorher haben Sie mit uns geredet. Keine Selbstverständlichkeit, normalerweise haben Ultras kein großes Bedürfnis, mit Journalisten zu sprechen.

Es wird in diesen Wochen viel über Ultras geredet. Nur die Ultras selbst melden sich kaum zu Wort. Warum nicht?

Lehmi: Wir melden uns schon, aber über unsere eigenen Kanäle.

Heidi: Wir sind nicht so verschlossen, wie oft gesagt wird. Nur haben wir in der Vergangenheit viele schlechte Erfahrungen gemacht, was Interviews und die Zusammenarbeit mit Medien generell angeht. Manchmal wurden wir hinters Licht geführt, manchmal wurden Sachen aus den Kontext gerissen. Für uns in Berlin waren in den vergangenen Jahren Interviews deshalb tabu.

Wie wird man eigentlich Vorsänger?

Heidi: Man muss schon ein wenig extrovertiert sein. Ich sitze auch sonst selten in der Ecke und halte meinen Mund. Bei mir war es so, dass der quasi etatmäßige Vorsänger zu einem Spiel nicht da war und da wurde ich halt gefragt. So bin ich irgendwie da reingeworfen worden. Aber einen klassischen Werdegang gibt es nicht.

Braucht es eine spezielle Form von Autorität? Auf Sie müssen schließlich Tausende Fans hören. Und die meisten sind keine Chorknaben.

Lehmi: Ich mache das jetzt seit 17 Jahren. Am Anfang hatte ich die Autorität natürlich nicht, da wurde ich belächelt oder habe was auf den Kopf bekommen oder es flogen Bierbecher. Das war kein Zuckerschlecken. Damals waren in Dresden vielleicht 3.000 Leute im Stadion, die Hälfte davon komische Gestalten. Da habe ich schon überlegt, ob ich weitermache.

Heidi: Eine gewisse Autorität muss man haben. Man muss sich Respekt erarbeitet haben, muss anerkannt sein von der Kurve.

Wie schafft man das?

Lehmi: Präsenz zeigen, über Jahre.

Wie schauen Sie auf die anderen Fans? Auf den Papa auf der Gegentribüne zum Beispiel?

Heidi: Der hat natürlich genauso seine Daseinsberechtigung wie ich auf meinem Podest in der Kurve. Ich fahre nur aus der Haut, wenn die 80. Spielminute anbricht, man 0:2 zurückliegt und die halbe Gegentribüne das Stadion verlässt. Ansonsten sehe ich mich persönlich nicht als besseren Fan, vielleicht als aktiveren, aber nicht als besseren.

Das ist ja ein großer Kritikpunkt: dass Ultras das Gefühl vermitteln, nur sie seien die wahren Fans.

Lehmi: Also von uns kommt das nicht. Der angesprochene Papa mit seinen Kindern auf der Gegentribüne geht vielleicht schon länger ins Stadion als ich. Wahrscheinlich kennt er sich im Fußball auch besser aus als ich. Ich erkenne gerade so, wenn die Mannschaft auf ein Tor drängt, dann muss ich nämlich ein paar Lieder umstellen, also muss welche ansingen, die ein wenig mehr mit dem Spielgeschehen zu tun haben. Aber eigentlich bin ich ein normaler Fan von Dynamo Dresden, vielleicht ein wenig aktiver und interessierter an dem, was rund um den Fußball so passiert.

Versteht der normale Fan, wie ich ihn mal nennen möchte, was Sie wollen? Und wie sehr steht er hinter Ihren Forderungen?

Lehmi: Wir protestieren ja nicht nur für uns. Wir sind organisiert, wir sind viele. Aber es gibt viele Leute auf der Tribüne, die kaum gehört werden. Klar, man kann nicht alle mitnehmen und man bekommt auch nicht alle. Aber viele schon. Und meinetwegen können einige auch gegen uns sein. Das ist gut. Ich diskutiere gerne mit Leuten, die nicht unserer Meinung sind. Aber oft merkt man, dass man eine gemeinsame Basis hat: die Liebe zum Fußball.

Was stört Sie eigentlich? Wozu die ganzen Proteste?

Heidi: Der Fußball war mal Volkssport. Jetzt geht es nur noch um Gewinnmaximierung. Nicht Gewinnerzielung, sondern Gewinnmaximierung, das ist das Problem.

Lehmi: Es geht gar nicht mehr um den Sport. Alle schauen nur noch, wo die meiste Kohle abgeholt werden kann. Verbände, Vereine, Spieler, alle.

Wir leben im Kapitalismus. Warum sollte der Fußball eine Ausnahme sein?

Lehmi: Die sollen ja ihr Geld verdienen, aber so ein bisschen auf die Bremse treten kann man schon. Es ist ja kein Ende in Sicht. Der Fußball glaubt im Moment, dass es für ihn immer so weitergeht. Aber er überdreht, irgendwann wenden die Leute sich ab. Beim Pokalfinale singt Helene Fischer. Beim FC Bayern singt am letzten Spieltag in der Halbzeitpause Anastacia und das Spiel wurde deswegen acht Minuten zu spät wieder angepfiffen. Für den Gegner SC Freiburg ging es noch um die Qualifikation für den Europapokal. Ja, wo gibt's denn so was?

Aber nur wegen Halbzeitshows würden Sie doch nicht so laut werden?

Lehmi: Nein, die Spieltage werden immer weiter auseinandergerissen. Mittlerweile wird unter der Woche um 17.30 Uhr angepfiffen, nur damit man möglichst zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Spiel schauen kann. Das ist vielleicht für den Fan am Fernseher toll, aber der Auswärtsfahrer ist am Arsch, weil er zwei Tage Urlaub einreichen kann. Generell haben wir das Gefühl, dass dem Verband der Fan, der ins Stadion geht, ziemlich egal ist. Und irgendwann werden wir uns nach den TV-Gewohnheiten der Chinesen richten und unsere Spiele um 9.30 Uhr ausrichten. Es gibt zudem eine völlig intransparente Sportgerichtsbarkeit, in der Ankläger und Richter quasi eine Person sind. Die Vereine müssen die ausgewürfelten Strafen auf die einzelnen Personen umlegen. Die sind dann in ihrer Existenz bedroht, weil sie nun eine Strafe zahlen müssen, die an der Wirtschaftskraft der Vereine bemessen ist. Unser Bullenkopfwerfer zum Beispiel muss im schlimmsten Fall eine Strafe von 40.000 Euro und die entgangenen Zuschauereinnahmen durch die verhängte Blocksperre zahlen. Im echten Leben hat ihm das Gericht zur Zahlung von 250 Euro verurteilt. Weil die Tat zwar geschmacklos war, aber sicher nicht so schlimm, dass man bis an sein Lebensende Schulden abbezahlen muss. Oder die Relegationsspiele. Was soll das? Du spielst eine geile Saison, hast eigentlich verdient aufzusteigen und musst dann aber noch mal ran, weil die Verbände noch mal zwei Spiele extra verkaufen wollen. So ein Dreck! Da geht es um so viel, da braucht sich niemand zu wundern, wenn bei einigen Fans der Deckel durchschießt.

Wenn Sie sich eine Fußballwelt basteln könnten, ein Utopia, wie sähe die aus?

Lehmi: Geile Frage!

Heidi: Momentan finde ich am wichtigsten, dass man sein Fansein so ausleben kann, wie man möchte. Das bedeutet nicht, dass wir plündernd durch die Straßen ziehen wollen. Aber eben auch nicht, dass wir mit Popmusik zugeballert werden, sobald wir im Stadion sind. Oder, dass der Torjubel gar nicht mehr zu hören ist, weil die Musik schon wieder angeht. In Frankfurt ist der Ball noch nicht über der Linie, da läuft schon die Musik. Über ein Utopia mache ich mir keine Gedanken, das ist so fernab jeder Realität. Derzeit kommen wir nur stückweise voran.

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