Umgang mit der Bedrohung : Fußball in Zeiten des Terrors

Fußballstadien sind kein Ort der Unbeschwertheit mehr, schreibt unser Autor. Doch sie müssen es wieder werden. Über Risikominimierungsstrategien nach den Anschlägen von Paris.

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Das Stade de France am 13.November 2015. Dank besonnenem Handeln der Sicherheitskräfte kam es zu keiner Massenpanik.
Das Stade de France am 13.November 2015. Dank besonnenem Handeln der Sicherheitskräfte kam es zu keiner Massenpanik.Foto: firo sportphoto

Am Nachmittag des 14. November war ich mit meiner Familie im Theater, „Räuber Hotzenplotz“ wurde gespielt, ein Stück für Kinder nach Otfried Preußler. Die Kleinen flitzten den Gang entlang zu ihren Sitzen. Ich suchte den Notausgang. Die Tür, durch die wir entkommen könnten, wenn es passieren würde.

Es war der Tag nach den Anschlägen von Paris, die mit zwei lauten Knallen, zu vernehmen während der Übertragung des Länderspiels zwischen Frankreich und Deutschland, in die Welt kamen. Dem besonnenen Vorgehen der Sicherheitskräfte im Stade de France ist es zu verdanken, dass es nicht zu einer Massenpanik unter den 80 000 kam.

Ein Abbruch der Partie mitsamt der Verlautbarung, was draußen vor sich gehe, wäre wohl fatal gewesen. Da aber die deutschen Fernsehzuschauer in der 55. Minute von ARD-Kommentator Tom Bartels sehr wohl darüber in Kenntnis gesetzt worden waren, dass es außerhalb des Stadions und an anderen Orten in Paris zu Attentaten gekommen war, ereignete sich für sie ein Schock der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren: Torjubel im Bild, Schreckensnachrichten im Wort.

Müssen wir nun alle potenziellen Angriffsziele meiden?

Beides lief zusammen in ängstlichen Fragen: Wie nah ist die Bedrohung, wenn wir sie schon live im Fernsehen, bei einem Fußballspiel, erleben? Müssen wir nun alle potenziellen Angriffsziele meiden, Flughäfen, Bahnhöfe, Orte des öffentlichen Lebens, daheim bleiben und die Fenster vernageln? Das wäre eine Risikominimierungsstrategie nach der Logik der Angst.

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Wäre dann aber der Straßenverkehr, der um uns herum tost, jeden Tag, jede Stunde, nicht auch ein unkalkulierbares Risiko, dem wir konsequent entfliehen müssten, angesichts von mehr als 3000 Toten pro Jahr auf deutschen Straßen? Wir tun es nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben, in einem Land mit 53 Millionen Kraftfahrzeugen zu leben.

"Kaum vorstellbar, dass wir uns auch an eine abstrakte terroristische Bedrohung gewöhnen könnten"

"Noch ist es freilich kaum vorstellbar, dass wir uns auch an eine abstrakte terroristische Bedrohung gewöhnen könnten. Doch wie sonst sollen wir mit einer Besorgnis umgehen, die uns nichts und niemand nehmen wird, keine Gesetzesverschärfung, keine Grenzschließung? Wie sonst sollen wir damit umgehen, dass wir Theater, Konzerthallen, Fußballstadien auf absehbare Zeit nicht mehr leichten Herzens betreten werden, weil uns die Bilder vom Freitag, dem 13. begleiten? Dass wir als erstes nach dem Notausgang suchen – der Tür, durch die wir entkommen könnten, wenn es passieren würde? Wir müssen sie eben doch betreten, trotz allem und immer wieder, mit „heroischer Gelassenheit“, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler rät.

Spielstätten als Ort der Unbeschwertheit

Fußballstadien sind kein Ort der Unbeschwertheit mehr. Doch sie dürfen und müssen wieder dazu werden. Als Zeichen an diejenigen, die versuchen, uns in einen Krieg mit unserer eigenen Angst zu verstricken, dass ihnen das nicht gelingen wird. Und hoffentlich bald wieder als das, was sie sind: Spielstätten, nicht mehr, nicht weniger.

Und dort gilt, was Karl Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ forderte: „Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann.“

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