Sport : Umweg über Usbekistan

Tennisprofi Sabine Lisicki verfolgt eine ungewöhnliche Karriereplanung: Statt auf den großen Turnieren aufzutrumpfen, spielt sie sich über kleinere Veranstaltungen in der Weltrangliste nach oben.

Anke Myrrhe

BerlinStuttgart ist eine schöne Stadt. Das Tennis-Turnier in Stuttgart hat einen guten Ruf, ist ein Turnier der zweiten Kategorie mit Top-Besetzung. Weniger gemütlich als in Stuttgart ist es in Taschkent - zumindest aus sportlicher Sicht. In der Hauptstadt Usbekistans wurden vergangene Woche die Taschkent Open ausgetragen, ein relativ unbedeutendes Turnier, von dem wohl selbst Tennisfans selten etwas gehört haben werden. Dennoch war Sabine Lisicki in Taschkent und nicht in Stuttgart. Die deutsche Nummer eins ist zu Beginn der vergangenen Woche nach Usbekistan gereist, um bei den Taschkent Open anzutreten.

Am Ende der Woche steht zunächst einmal der Erfolg: Zwar verlor Lisicki gestern das Finale gegen die Rumänin Sorana Cirstea ganz knapp im Tiebreak des dritten Satzes 6:2, 4:6, 6:7 (7:9) und verpasste damit ihren ersten Titel. Aber sie spielte sich in ihrer ersten Saison auf der WTA-Tour erstmals überhaupt in ein Finale und wird dafür wichtige Weltranglistenpunkte bekommen.

In Stuttgart wollten die Veranstalter Lisicki zwar eine Wildcard geben, sie hätte diese aber nicht mehr annehmen dürfen. "Uns war bekannt, dass Sabine in diesem Jahr bereits drei Wildcards angenommen hatte, deswegen konnten wir ihr für unser Turnier keine mehr geben", sagt Markus Günthardt, Turnierdirektor in Stuttgart. Die Berlinerin aber wäre ohnehin nicht nach Stuttgart gefahren. Die Entscheidung, in Usbekistan zu spielen, war längst gefallen. Eine ungewöhnliche Entscheidung, denn die meisten jungen Profispielerinnen hätten es sicher bevorzugt, in der Heimat zu spielen, angefeuert von rund 5000 Zuschauern auf dem Centre Court. Anders Sabine Lisicki. Die 19-Jährige verfolgt eine strikte Karriereplanung. "Es war eine sehr erwachsene Entscheidung, die ihr sehr schwer gefallen ist", sagt ihr Manager Olivier van Lindonk. "Es ist unglaublich, wie professionell Sabine in ihrem Alter schon ist."

Turniersieg knapp verpasst

Lisicki versucht einen Schritt nach dem anderen zu gehen, nachdem es ihr zu Beginn des Jahres völlig überraschend gelungen war, als Qualifikantin die dritte Runde der Australian Open zu erreichen. Die Erwartungen, die danach an die Berlinerin gestellt wurden, konnte sie nur selten erfüllen. Nun versucht Lisicki sich nicht von äußeren Umständen leiten zu lassen, sondern alles auf ihr Ziel, "irgendwann die Nummer eins der Welt zu sein", auszurichten.

Dazu gehört auch, sich über den langen Weg der kleinen Turniere zu quälen. Das Hartplatzturnier in Taschkent ist ein Turnier der vierten Kategorie, das weit weniger gut besetzt ist als das in Stuttgart. "Natürlich hätte ich sehr gerne in Stuttgart gespielt", sagt Lisicki. "Es war eine schwere Entscheidung dort nicht zu spielen, aber im Moment ist es wichtig, Erfahrung auf den kleineren Turnieren zu sammeln." Die in Taschkent an Nummer eins gesetzte Chinesin Shuai Peng ist derzeit lediglich die Nummer 40 der Welt. Der Vorteil für Lisicki, die derzeit auf Position 64 der Welt geführt wird, bei solchen Turnieren anzutreten, ist, dass sie gut gesetzt wird: In Usbekistan trat sie als Nummer vier an. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, weit zu kommen, viel Spielerfahrung zu sammeln und am Ende Punkte für die Weltrangliste zu erlangen ist weitaus höher als bei einem Turnier der ersten oder zweiten Kategorie.

Den Turniersieg hat Lisicki bei ihrem Auftritt in Usbekistan nur knapp verpasst. Für den Einzug ins Finale bekommt sie aber 80 Weltranglistenpunkte und wird einen weiteren Sprung nach vorne machen. "Das war mein erstes Finale bei einem WTA-Turnier. Leider habe ich es verloren, aber das wird mich nicht daran hindern, weiter hart zu arbeiten", sagte Lisicki, die nach dem Spiel dennoch zufrieden war. Denn sie hat immer das langfristige Ziel im Auge. "Dieses Turnier wird mich wieder ein Stück weiter nach vorne bringen."

Der Plan scheint zumindest momentan aufzugehen. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sabine Lisicki im kommenden Jahr in Stuttgart keine Wildcard mehr benötigen wird. Wenn sie stetig so weiter macht, wird sie sich regulär qualifizieren können. Und die Erfahrungen, die sie bei Turnieren wie dem in Taschkent sammelt, werden ihr sicher helfen, "um in zwei Jahren solche Turniere wie Stuttgart gewinnen zu können", sagt sie.

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