Sport : Unbedingt angriffsbereit

Von den Südamerikanern lernte Europa, dass Verteidiger auch stürmen dürfen

Sven Goldmann

Die Grätsche ist ein wenig in Verruf geraten. Niemand feiert mehr die Körperbeherrschung, den Mut, das Timing. Alles unabdingbar, um einen Stürmer fliegend mit der Fußspitze vom Ball zu trennen, und das auch noch fair. Heute wird abfällig von der Blutgrätsche gesprochen, von brutalen Verteidigern, die von hinten in die Beine springen. War halt schon immer so, jedenfalls in Europa.

Über Jahrzehnte war das Spielfeld in der Alten Welt annähernd gleichberechtigt aufgeteilt zwischen Stürmern und Verteidigern. Die einen waren zuständig für das Schießen von Toren, die anderen für das Verhindern. Dabei hatten die Südamerikaner schon in den zwanziger Jahren gezeigt, dass Fußball auch anders funktioniert. Wer erinnert sich schon noch daran, dass der erste Weltstar des Fußballs der heutigen Definition nach ein Verteidiger war. Der Uruguayer Andrade kam wie ein Kulturschock über die Europäer, als er 1924 bei den Olympischen Spielen in Paris aufspielte. Unter Andrades Führung gewann Uruguay zweimal Gold bei Olympia und 1930 die erste WM daheim in Montevideo. Er interpretierte seine Rolle offensiv und laufstark, einmal schoss er gegen Frankreich ein Tor, nachdem er bei einem Solo über 70 Meter sieben Gegner ausgespielt hatte.

Doch Südamerikas Einfluss auf den europäischen Fußball war vor dem Zweiten Weltkrieg verschwindend gering. Die erste WM 1930 in Uruguay wurde von den Europäern weitgehend boykottiert, zur Rache kamen die Uruguayer 1934 und 1938 nicht nach Europa, Argentinien trat nur einmal an, mit einer drittklassigen Amateurmannschaft, und Brasilien zählte damals noch nicht zur Weltspitze. Europa übernahm von Südamerika nur, was ins Konzept passte. Zum Beispiel den in Italien eingebürgerten Argentinier Monti, den brutalsten Verteidiger der WM 1934.

Erst in den fünfziger Jahren festigten die Brasilianer die Position des Offensivverteidigers. Prägende Figuren waren 1958 beim ersten WM-Sieg Djalma und Nilton Santos, 1970 Alberto Carlos und zuletzt Cafu, der als einziger Spieler der Welt dreimal in Folge in einem WM-Finale stand. Auch die Europäer erkannten nun den Wert offensiver Defensive. 1966 wurden die Engländer Weltmeister mit dem revolutionären „wingless wonder“, als Trainer Ramsey auf Flügelstürmer verzichtete und dafür seine Außenverteidiger Cohen und Wilson angreifen ließ. Stilbildend für die Defensivnation Deutschland war Beckenbauers Interpretation des freien Abwehrspielers, der über profanen Verteidigungsaufgaben zu schweben schien.

Als Mythos leben aber auch hier Verteidiger vom Typus Liebrich und Vogts fort. Der eine sicherte Deutschland 1954 den WM-Titel, weil er im Vorrundenspiel dem ungarischen Genie Puskas den Knöchel kaputttrat. Der andere nahm 1974 im Finale Hollands Weltstar Cruyff aus dem Spiel, mit vielen Grätschen, aber fast ohne Foulspiel.

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