• „Unbedingt Ullrichs Blutprobe untersuchen“ Pharmakologe Sörgel über Haarproben, die Glaubwürdigkeit des deutschen Radprofis und Galdeanos Asthma

Sport : „Unbedingt Ullrichs Blutprobe untersuchen“ Pharmakologe Sörgel über Haarproben, die Glaubwürdigkeit des deutschen Radprofis und Galdeanos Asthma

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Bei Tour-Spitzenreiter Galdeano wurde das eigentlich verbotene Asthmamittel Salbutamol nachgewiesen. Galdeano gilt freilich als Asthmatiker, bestraft wird er deshalb nicht. Kommt Ihnen das verdächtig vor?

Das Reglement erlaubt diese Ausnahmen. Die gefundene Dosis, die offiziell angegeben wird, ist nicht allzu hoch, es sieht aus, als wäre das Mittel wirklich zu therapeutischen Zwecken eingesetzt worden.

80 Prozent aller Radprofis sind angeblich Asthmatiker, der Bevölkerungsschnitt liegt bei vier Prozent. Läuten da bei Ihnen Alarmglocken?

80 Prozent sind schon absurd. Vermutlich holen sich einige die Freigabe für die Mittel, weil die Gegner auch Substanzen nehmen.

Jan Ullrich gehört ebenfalls zum Klub der Asthmatiker. Um seinen Dopingfall, den Konsum von Amphetaminen, ist es ziemlich ruhig geworden. Zu ruhig?

Ja. Ich bin überrascht, wie er mit nur einer Erklärung die Öffentlichkeit ruhig stellen konnte.

Sie haben ihm nicht geglaubt?

Nein, natürlich nicht. So viele Zufälligkeiten, wie er sie beschrieben hat, will man nicht glauben. Ausgerechnet am Vorabend der Kontrolle nimmt er Aufputschmittel. Er hat ja auch nicht bewiesen, dass er wirklich nur einmal Amphetamine genommen hat.

Sie gehen davon aus, dass er mehrfach zugegriffen hat?

So kann ich es nicht sagen. Aber der Beweis für diesen Einmalkonsum fehlt. Mit dem Urintest, der vorgenommen wurde, kann man nichts umfassend nachweisen.

Weshalb glauben Sie ihm nicht?

Angeblich hat ihm ein Unbekannter zwei mysteriöse Pillen gegen Depressionen zugeschoben. Dass ein 28-Jähriger, der sonst bei jedem Glas Wasser vorsichtig ist, so etwas einfach nimmt, ist unglaubhaft.

Sie sind Experte für Haarproben. Könnte eine Haarprobe die Wahrheit offenbaren?

Selbstverständlich. Damit kann auch lange zurückliegender Konsum nachgewiesen werden. Deshalb ist es unverzeihlich, dass der zuständige Verband in diesem Fall nicht sofort eine Haarprobe angeordnet hat. Es geht hier ja um einen herausragenden Athleten mit besonderer Vorbildwirkung.

Eine Haarprobe gehört aber nicht zum Doping-Reglement.

Sicher, er hätte sie freiwillig abgeben müssen. Aber er kann sie ja immer noch liefern, sofern er nicht beim Friseur war.

Und wenn er sich weigert?

Dann ist das zumindest verdächtig.

Damit kollidieren Sie aber mit der Unschuldsvermutung.

Gut, das ist jetzt ein juristisches Problem. Nur grundsätzlich: Ein herausragender Sportler benötigt Glaubwürdigkeit. Wenn er wirklich nur einmal Amphetamine konsumiert hat, hat er ja nichts zu befürchten.

Hätte auch eine Blutprobe etwas ausgesagt? Die ist beim Weltverband UCI vorgeschrieben.

Aber nur im Wettkampf. Bei Trainingskontrollen wären solche Blutproben viel zu aufwändig. Im Blut sind Amphetamine ohnehin nur 48 Stunden nachweisbar. Als klar war, dass er positiv ist, hätte eine Blutprobe wohl nichts mehr gebracht. Aber sie wäre auch nicht nötig gewesen. Es gibt doch eine eventuell viel aussagekräftigere Probe. Als er betrunken in Freiburg einen Unfall baute, hat ihm die Polizei ja auch Blut abgenommen.

Wäre in dieser Probe jetzt noch Drogenkonsum nachweisbar?

Ja. Dort ließe sich sogar sehr gut die Menge der Drogenmittel nachweisen. Man sollte diese Probe unbedingt untersuchen.

Damit könnte man aber nur nachweisen, dass er vor seinem Unfall etwas eingeworfen hätte.

Schon, aber kombiniert mit einer Haarprobe könnte man über Monate nachweisen, ob er schon länger Aufputschmittel nimmt. Wir sprechen von Segment-Haarproben. Je länger das untersuchte Haar ist, umso länger kann man Mittel nachweisen. Aber das muss wissenschaftlich untersucht werden.

Der frühere Leverkusener Fußball-Trainer Christoph Daum wurde mit einer Haaranalyse überführt, bei Ullrich wäre sie angebacht. Plädieren Sie dafür, bei Drogenfällen im Sport Haaranalysen ins Reglement aufzunehmen?

Unbedingt. Es geht da auch um sehr bekannte Sportler mit besonderer Vorbildfunktion. Da ist eine absolute Glaubwürdigkeit extrem wichtig.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

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