Sport : Unbekannter Hauptdarsteller

Der überraschende 100-m-Olympiasieger Justin Gatlin stiehlt dem großen Maurice Greene die Schau

Frank Bachner[Athen]

Maurice Greene buhlte regelrecht um die Aufmerksamkeit der Fans. Er warf Kusshändchen ins Publikum, er spannte die US-Flagge, die er um seine Schultern trug, er hatte sich extra abgesetzt von den anderen, er stand allein auf der Bahn, direkt vor der Haupttribüne. Aber er wirkte wie ein Schauspieler, der für eine Nebenrolle Applaus erwartet, während das Publikum den Hauptdarsteller feiert.

Der wahre Hauptdarsteller in dieser Minute trug auch eine US-Flagge um die Schultern, aber er lief nicht allein, er trabte zwischen hastenden Fotografen und Kameraleuten, er trabte vor Fans, die aufgestanden waren und begeistert klatschten, er sog lachend die Ovationen auf, und vor allem trabte er 80 Meter von Maurice Greene entfernt.

Keiner konnte Justin Gatlin jetzt die Show stehlen, auch Maurice Greene nicht, der 100-m-Olympiasieger und dreimalige Weltmeister, der begnadete Showman. Greene gewann 2000 Gold über die 100 m. Der Olympiasieger 2004 aber ist Justin Gatlin aus Brooklyn/New York. 9,87 Sekunden hatten Greene nur zu Platz drei gereicht, Gatlin lief 9,85 Sekunden, sieben Hundertstelsekunden schneller als seine bisherige Bestzeit. Es war ein historisches Rennen. Vier Sprinter unter 9,90 Sekunden, das hatte es bei Olympia noch nie gegeben.

Justin Gatlin ließ sich die Show auch später nicht stehlen. Maurice Greene saß neben ihm, vor den Journalisten, und er verkündete: „Ich bin immer noch der größte Sprinter.“ Aber er klang wie ein trotziges Kind, das nicht zugeben möchte, dass ein anderer besser ist. „Ich bin in diesem Jahr der Größte, weil ich den schnellsten 100-m-Lauf der olympischen Geschichte gewonnen habe“, antwortete Gatlin. Große Sprüche sind Teil des Rituals.

Zum Ritual gehören auch bewegende Danksagungen. Gatlin dankte zum Beispiel seinem früheren High-School-Trainer. Er dankte nicht Trevor Graham, seinem jetzigen Coach. Dabei hat Graham ihn zu Gold geführt. Mit welchen Mitteln, dürfte noch spannend werden. Graham hat gestern zugegeben, dass er den Balco-Skandal, den größten Doping-Fall des US-Sports in den vergangenen Jahren, auslöste. Er sei es gewesen, der die ominöse Spritze mit der Designer-Droge THG anonym an die US-Anti-Doping-Behörde geschickt habe. Grahams Motiv, offiziell jedenfalls: THG publik zu machen. Nur ist die Rolle des großen Aufklärers eher unglaubwürdig. Vermutet wird eher ein Racheakt gegen Balco-Chef Victor Conte. Der Balco-Besitzer habe bei Graham noch Schulden gehabt und wollte angeblich nicht zahlen. Außerdem war Graham nach Unterlagen, die gefunden wurden, in das „Projekt Weltrekord“ mit dem US-Sprinter Tim Montgomery eingebunden. Montgomery lief 2002 100-m-Weltrekord: 9,78 Sekunden.

Gatlin, der Hallen-Weltmeister von 2003, war im Jahr 2002 gesperrt. Ein Dopingfahnder hatte ihn mit einem verbotenen Aufputschmittel erwischt. Ein Journalist befragte ihn zum Thema Doping. „Ich bin ein absolut sauberer Athlet“, antwortete der 22-Jährige.

Zwischen den Journalisten saßen Jeanette und Willi Gatlin, und sie sagten gar nichts zu Doping. Aber das konnte man auch schlecht erwarten von Eltern, die den Olympiasieg des Sohns als „ein Geschenk Gottes“ feierten. Sie sagten: „Wir haben lange nicht gedacht, dass er ohne Hürden so schnell laufen würde.“ Hindernisse faszinierten schon den kleinen Justin. Er hüpfte über einen alten Fernseher, den er auf die Straße geschleppt hatte oder über die Hydranten in seiner Straße. Als Justin, das jüngste von vier Kindern, sieben war, zog die Familie nach Pensacola/Florida. Dort testete Justin Gatlin alles aus, Basketball, Baseball, Schwimmen, und natürlich sprintete er weiter.

Eines Tages kam der 15-jährige Justin nach Hause und verkündete seiner Mutter stolz: „Mama, ich habe gewonnen.“ Justin Gatlin war in der High School über die Hürden gesprintet. Ein Jahr später entschloss sich der Jugendliche für die Flachstrecke . Und nun begann sein Aufstieg in die Weltklasse. 2002 wurde Gatlin Profi, ausgestattet mit einem gut dotierten Vertrag seines Ausstatters. Er zog nach Raleigh in North-Carolina.

Aber in Pensicola, Florida, lieben sie ihn noch immer. Da „drehen sie jetzt auch völlig durch nach diesem Sieg“, sagt Jeanette Gatlin. Die lokale Zeitung in Pensacola ließ T-Shirts mit einer besonderen Widmung drucken. Jeanette und Willi Gatlin trugen diese T-Shirts. Auf der Vorder- und Rückseite sind Artikel über Gatlins zweiten Platz bei der Olympia-Qualifikation gedruckt. Titel über einem Text: „Gatlin läuft zu den Spielen.“

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