Sport : Unbekümmert ins Karriere-Tief

Robert Enke galt einmal als große deutsche Torwart-Hoffnung – inzwischen spielt er bei einen spanischen Zweitligisten

Peer Vorderwülbecke

Teneriffa. Die Sonne scheint zwischen vereinzelten weißen Wölkchen ins Stadion Heliodoro Rodriguez Lopez, die Heimstatt des spanischen Fußball-Zweitligisten CD Teneriffa. Kurz vor Beginn des Vormittagstrainings sind es bereits 21 Grad, die Profis lümmeln sich auf dem Rasen, scherzen und lachen. Nur einer sitzt ein wenig abseits mit gegrätschten Beinen und dehnt seinen Oberkörper. Robert Enke arbeitet für seinen Platz zwischen den Pfosten. Der ist ihm selbst hier, beim abstiegsbedrohten Zweitligisten, knapp drei Monate lang verwehrt worden. Der 26-Jährige scheint am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen zu sein.

Dabei hat seine Laufbahn so gut angefangen. Mit 15 wird Enke in die Jugendnationalmannschaft berufen, er durchläuft alle Jahrgänge als Stammtorwart. Als 18-Jähriger erhält er in seiner Heimatstadt Jena den ersten Profivertrag und macht für den FC Carl Zeiss sogar drei Spiele in der Zweiten Liga. Danach wechselt Enke zum Bundesligisten Borussia Mönchengladbach, wird nach einem Jahr Stammtorhüter, und obwohl die Gladbacher absteigen, spielt Enke eine exzellente Saison.

Jupp Heynckes holt ihn zu Benfica Lissabon. „Über den Wechsel nach Portugal habe ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich habe mir einfach gedacht: Warum nicht?“ Diese Unbekümmertheit beschert dem Jungprofi Erfolge in Portugal: Drei Jahre lang ist er Stammtorwart, Publikumsliebling und am Ende sogar Mannschaftskapitän. „Bei Benfica hätte ich einen Vertrag bis 2010 unterschreiben können – für sehr viel Geld.“ Aber Enke ist ehrgeizig und hat ein Ziel: bei der EM 2004 dabei zu sein. Benfica gehört in Europa nicht zu den ganz großen Vereinen. Manchester United will ihn verpflichten, doch Enke entscheidet sich für den FC Barcelona. Dann endet das Fußball-Märchen.

In einem Pokalspiel gegen den Drittligisten Noveldas, noch vor Saisonbeginn, patzt Enke, Barça verliert 2:3. Die katalanische Presse sieht den Torhüter als den Schuldigen. Bis auf zwei Einsätze verbringt er die meiste Zeit abwechselnd auf der Ersatzbank und auf der Tribüne. Der deutsche Torwart lässt sich zu Fenerbahce Istanbul ausleihen, dort trainieren Christoph Daum und Eike Immel. Der ehemalige Stuttgarter Torhüter schwärmte schon nach der ersten Einheit: „Ich habe noch mit keinem besseren Torwart trainiert.“ Aber Enke fühlt sich in Istanbul nicht wohl. Nach seinem ersten Einsatz löst er seinen Vertrag auf. Es ist eine folgenschwere Entscheidung: Er bekommt kein Gehalt mehr, der FC Barcelona schließt ihn vom Mannschaftstraining aus. Bis zur Winterpause darf er zu keinem anderen Verein wechseln. Enke ist arbeitslos.

Wenn Enke über sein Karriere-Tief redet, spricht er langsam, mit vielen Pausen. „Das Leben besteht aus schönen und weniger schönen Erfahrungen“, sagt er dann. „Aber die letzten beiden Jahre haben mich auch weitergebracht. Man muss einfach lernen, mit so einer Krisensituation umzugehen.“

Im Stadion ist das Training fast beendet. Jetzt taut auch Enke auf. Seine Gesichtszüge entspannen sich, er scherzt mit seinen Kollegen und blödelt mit dem Konditionstrainer. „Während des Trainings bin ich voll konzentriert, das habe ich bei Jupp Heynckes gelernt.“ Eigentlich war dem deutschen Torhüter ein Stammplatz garantiert worden. Doch mit Enkes Vertragsunterschrift drehte sein Konkurrent Alvaro Iglesias plötzlich auf und kassierte viermal hintereinander kein Gegentor. Ein Wechsel im Tor war unmöglich. Erst als Iglesias sich verletzte, durfte Enke wieder ins Tor. Am vergangenen Wochenende, bei seinem Comeback, gewann Teneriffa mit 2:1, Enke hielt souverän, das Publikum feierte ihn. Sieben Monate waren seit seinem letzten Einsatz vergangen. Auch wenn nur 8000 Zuschauer das Spiel verfolgt haben, sagt Enke: „Der Applaus hat schon gut getan.“

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