Sport : Und dann kommt immer Spanien

Das heutige Viertelfinale ist für das Nationalteam die Fortsetzung einer packenden Handball-Geschichte

Hartmut Moheit[Köln]

Viertelfinale? Spanien? Da kann Christian Schwarzer aus dem Handumdrehen einen Spielbericht aufsagen: „Nach zweimaliger Verlängerung war immer noch keine Entscheidung gefallen. Ich weiß noch, wie mir der Ausgleich zum 30:30 gelungen war. Die Dramatik war dann nicht mehr zu steigern, bis uns Daniel Stephan mit dem entscheidenden Treffer beim Siebenmeterwerfen erlöste.“ Das war das olympische Viertelfinale 2004 in Athen, und es beförderte Schwarzer und die deutschen Handballspieler weiter auf ihrem Weg, der erst im Finale mit der Silbermedaille endete. Vielleicht war es für einige in der Mannschaft das Spiel ihres Lebens, für Schwarzer etwa oder Torhüter Henning Fritz. Ein Spiel von kaum zu überbietender Dramatik. Und eine perfekte Vorgeschichte für das heutige Viertelfinale (17.30 Uhr, ARD) in der Kölnarena. Wieder geht es gegen Spanien, diesmal bei der WM im eigenen Land.

Das Spiel ist daher auch für den 37 Jahre alten Schwarzer etwas Außergewöhnliches. „Vor ein paar Tagen hätte ich nicht gedacht, dass ich überhaupt noch mal gegen die Spanier spielen würde“, sagt der Lemgoer. Erst während des Turniers nominierte ihn Bundestrainer Heiner Brand nach und gab ihm so die Gelegenheit, bei der Fortsetzung eines Stücks Handball-Geschichte mitzuwirken.

Die neuere Geschichte dieses Spiels beginnt im Grunde bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Viertelfinale: Spanien gegen Deutschland. Beim Stand von 26:26 kurz vor Schluss kommt Stefan Kretzschmar frei zum Wurf. Er kann das Spiel entscheiden. Doch er knallt den Ball an die Latte. Die Spanier vollenden den Gegenstoß und werfen Deutschland mit 27:26 aus dem Turnier. Vier Jahre später reist Deutschland als Europameister nach Athen. Viertelfinale: Nach zweimaliger Verlängerung steht es 30:30. Im Siebenmeterwerfen hält Henning Fritz dreimal und verhilft Deutschland zum 32:30.

Seitdem sind die Spanier mit einer bis heute fast unveränderten Mannschaft noch besser geworden. Als Titelverteidiger sind sie zu dieser WM-Endrunde nach Deutschland gekommen, während das deutsche Team durch Rücktritte und viele Verletzungen einen Umbruch verkraften musste. Das letzte große Aufeinandertreffen endete immerhin unentschieden. Es war bei der EM im vorigen Jahr. „Kurz vor Schluss hatten wir sogar mit drei Toren geführt und hätten eigentlich gewinnen müssen“, erzählt Henning Fritz. Weil Fritz immer noch spielt und Schwarzer zurückgekommen ist, messen sich heute Altbekannte in der Kölnarena. Nach zweieinhalb Jahren Pause hat Brand den Kreisspieler Schwarzer zurück ins Team geholt. „Es ist so, als wäre er nie weg gewesen“, sagt er. Mit ihm ging ein Ruck durch die Mannschaft. Auf einmal gibt es eine Handball-Begeisterung in Deutschland. „Dafür können wir uns heute nichts mehr kaufen“, sagt Florian Kehrmann, „wenn wir morgen nicht gewinnen, ist es schlagartig vorbei mit der WM-Euphorie 2007.“ Doch der Rechtsaußen fügt hinzu: „Aber wir schaffen das.“

Die deutsche Mannschaft hat es bei dieser WM fertig gebracht, durch Leidenschaft und spielerische Klasse, die Fans auf ihre Seite zu ziehen. „Die 12 000 Zuschauer in Dortmund waren schon einmalig. Jedes Mal habe ich schon Gänsehaut bekommen, wenn ich aus den Katakomben zum Innenraum gegangen bin“, erzählt Michael Kraus. Mit dem Namen des Göppingers ist ein weiteres Plus der deutschen Mannschaft verknüpft: Die Gegner wissen nie, welcher Spieler die Akzente setzt. Mittlerweile wird von einer deutschen Wundertüte gesprochen, aus der Heiner Brand vor jedem Spiel ein anderen Spieler des Tages ziehen würde. Michael Kraus übernahm immerhin die Rolle von Brands Lieblingsspieler Markus Baur, der eigentlich als unersetzlich im deutschen Spiel galt. Ob der Kapitän und Kopf der Mannschaft gegen Spanien zurückkehren wird, ist ungewiss. Fest steht dagegen, dass der wurfgefährliche Oleg Velyky nicht auflaufen wird. Brand entschied sich gestern nach einem Belastungstest gegen die Nachnominierung des 29-Jährigen Rückraumspielers. Der Bundestrainer holte Michael Haaß zurück ins Team. Für ihn musste Torhüter Carsten Lichtlein weichen.

In welcher Aufstellung auch immer, die Deutschen verschwenden keinen Gedanken an ein Ausscheiden gegen Spanien. 2004 liegt lange zurück, es ist an der Zeit, ein neues Erinnerungsstück zu fertigen.

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