Sport : Und der Raubfisch hat keine Zähne

Hertha BSC versagt regelmäßig in wichtigen Spielen – heute gegen den FC Fulham ist wieder eins

Stefan Hermanns

Berlin. Huub Stevens hat den Sonntag so verbracht, wie es vermutlich Millionen Deutsche auch getan haben: Der Fernseher lief den ganzen Tag. Doch was für andere ein Freizeitvergnügen ist, war für den Trainer des Berliner Fußball-Bundesligisten unbezahlte Sonntagsarbeit. Stevens hat eine Videokassette nach der nächsten in den Rekorder geschoben und sich Spiele des FC Fulham angesehen. Gegen den englischen Erstligisten tritt Hertha heute im Uefa-Cup an. Stevens sagt, dass er in der Nacht auf Montag „ganz wenig“ geschlafen habe. Doch das lag weniger an Fulham als an Werder Bremen.

Gegen Bremen hat Hertha am Samstag gespielt, und die Partie wird einmal als verpasste Chance in Herthas Vereinschronik eingehen. Als eine von vielen. Mit einem Sieg wären die Berliner in der Bundesliga auf Platz zwei vorgerückt; doch sie verloren, und vor allem hatten sie keine Chance gegen Werder. Dieter Hoeneß, Herthas Manager, musste nach der 0:1-Niederlage miterleben, dass Bremens Sportdirektor Klaus Allofs den Anspruch formulierte, die dritte Kraft in Deutschland werden zu wollen. Für diese Rolle war eigentlich Hertha vorgesehen.

Doch Hertha hat ein Problem: In Spielen, in denen es um mehr geht als einen schnöden Sieg, versagt die Mannschaft regelmäßig. Das war vor zwei Jahren so, als sie in der dritten Runde des Uefa-Cups bei Inter Mailand durch ein Gegentor kurz vor Schluss das Weiterkommen verspielte; das war in der vorigen Saison so, als Hertha gegen die vermeintlich zweitklassigen Schweizer von Servette Genf 0:3 verlor und aus dem Uefa- Cup ausschied; das war so im Januar, als Hertha im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln eine 1:0-Führung verspielte. Und das war auch so im April gegen die Bayern, als ein Sieg in München Hertha in die Champions League hätte bringen können – Hertha verlor 0:3. Heute, gegen Fulham, ist wieder so ein Spiel, das für die Entwicklung des Klubs immense Bedeutung hat. „Wir haben schon den Beweis angetreten, dass wir wichtige Spiele gewinnen können“, sagt Manager Hoeneß.

Dreimal nach dem Aufstieg 1997 hat sich Hertha für den Uefa-Cup qualifiziert, zweimal scheiterte die Mannschaft in der dritten Runde. Nie war das Weiterkommen so wichtig wie diesmal. Es geht gar nicht in erster Linie um das Image des Vereins, der in Europa eine große Nummer werden will; es geht vor allem ums Geld. Durch die Kirch- Krise fehlen dem Verein in dieser Saison drei Millionen Euro. Der Verbleib im Uefa-Cup „wäre die beste Möglichkeit, die mangelnden Einnahmen zu kompensieren“, sagt Hoeneß. „Mit der Leistung von Samstag haben wir allerdings keine Chance, unser Ziel zu erreichen.“ Außerdem muss Hertha auf den verletzten Marko Rehmer verzichten.

Immerhin gibt es positive Zeichen, dass sich das Debakel nicht wiederholt. Stevens jedenfalls hat „gespürt, dass die Spieler verärgert waren“, und Manager Hoeneß erwartet gegen Fulham „eine Mannschaft, die mit Risiko, absoluter Leidenschaft und Siegeswillen spielt“. Wie Raubfische, die Witterung aufgenommen haben, müssten die Spieler in eine wichtige Partie gehen. „Du musst dich mental festbeißen“, sagt Hoeneß. Gegen Werder aber erweckten Herthas Spieler allein den Eindruck, nicht verlieren zu wollen.

Diese Raubfischmentalität kommt nicht über Nacht. Man muss sie fördern, und man braucht Spieler in der Mannschaft, die mit der richtigen Einstellung vorangehen. „Wir versuchen, sukzessive diese Typen zu entwickeln“, sagt Hoeneß, „oder sie dazuzuholen.“ Einfach ist weder das eine noch das andere. Aus einem Klosterschüler lässt sich nicht so ohne weiteres ein Wrestler machen, und echte Gewinnertypen sind nicht nur bei Hertha selten. „Die Dortmunder haben sie auch nicht“, sagt Hoeneß.

Herthas Manager erinnert in diesem Zusammenhang gerne an den FC Bayern München, für den er selbst gespielt hat. Eine Erfolgskultur gebe es dort, „die von Generation zu Generation überliefert worden ist“: von Beckenbauer zu Breitner zu Lerby zu Matthäus zu Effenberg und vermutlich bald zu Ballack oder Deisler. „Jeder, der da hinkommt, inhaliert das“, sagt Hoeneß. Bei Hertha inhalieren sie immer noch ein bisschen den Hauch des Emporkömmlings, der glücklich ist, überhaupt wieder dabei zu sein.

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