Sport : Und die Kapelle spielt

Harald Martenstein

In gewisser Weise erinnert der Zusammenbruch des Hamburger SV an den Untergang der Titanic. Auch die Titanic ist ja ein besonders schönes, teures und großes Schiff gewesen, auch die Titanic wurde für unabsteigbar gehalten. Der Kapitän der Titanic hat trotz vieler Warnungen seinen Kurs eisern beibehalten. Mindestens bis zur Winterpause fahren wir weiter geradeaus – hat das der Kapitän der Titanic gesagt, oder war es jemand anderes?

Heute spielt der HSV zum vorerst letzten Mal in der Champions League. Bisherige Ausbeute: null Punkte. Das Spiel will man sehen. Doch. Es ist einer dieser Tage, an die man sich später einmal mit wohligem Grausen erinnern wird. Der HSV kann sich zurzeit selbst in sogenannten Schicksalsspielen nicht zu nennenswerten Aktivitäten motivieren, heute aber geht es nur um die Ehre, also im Grunde um nichts, und ZSKA Moskau ist schon ein anderes Kaliber als der VfL Bochum. Es kann also ein unvergesslicher Fußballabend werden, und hoffentlich spielt, wie auf der Titanic, bis zuletzt die Kapelle.

Noch nie hat ein deutscher Verein in einer Saison in der Champions League gespielt und ist gleichzeitig abgestiegen – allerdings nur, weil es 1968 noch keine Champions League gab. Der 1. FC Nürnberg wurde damals Meister, mit Wundertrainer Max Merkel, und stieg im Jahr darauf ab, alle Leistungsträger verkauft, 13 neue Spieler, alle schlapp. Der arme Merkel, Liebling der Fans, wurde erst gegen Saisonende entlassen. Genützt hat es nichts. Ist Fußball nicht ein großes Wunder? Der nächste Gegner des HSV in der Bundesliga heißt Nürnberg.

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