Sport : Und er bewegt sich doch

Robert Ide

Für Fotografen ist Jacques Rogge ein Problemfall. Der Mann rührt sich kaum. Fast regungslos sitzt der neue Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in einer Berliner Villa und spricht zu geladenen Journalisten. In seiner Hand hält er einen Kugelschreiber, ab und zu bewegt er ihn nach oben und nach unten. Sonst Ruhe, Kontrolle, ein perfekt sitzender Anzug. Spricht da ein Langweiler?

Wenn man manche Sätze von ihm hört, könnte man es denken. Etwa wenn Rogge sagt, die olympische Bewegung habe eine pädagogische Aufgabe. Oder: "Deutsche Olympiabewerber sind starke Kandidaten, aber die Gegner sind auch stark." Dann könnte man sich fragen, ob das wirklich der Mann sein soll, der die Olympische Familie reformieren will und deshalb vor einem halben Jahr die Nachfolge des greisen Juan Antonio Samaranch antrat. Doch wer genauer hinsieht, erkennt das Neue an Rogge. Der Belgier ist weltläufig. Dreimal hat er seit seinem Amtsantritt den Erdball umrundet, um sich bei Sport, Wirtschaft und Politik vorzustellen. In Berlin parlierte Rogge mit seinen Gesprächspartnern beim Neujahrsempfang des Nationalen Olympischen Komitees wahlweise auf Deutsch und Englisch. Wenn das nicht reichte, hatte er noch drei weitere Sprachen parat.

Jacques Rogge ist Arzt, Chrirug. Er betrachtet die Dinge realistisch. Auf die Frage, wie er sich für einen Frieden während der Winterspiele in Salt Lake City einsetzen werde, sagt er: "Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das IOC den Frieden auf der Welt herstellen kann." Samaranch hatte immer vom Friedensnobelpreis geträumt.

Rogge ist zum Hoffnungsträger einer als korrupt und wenig transparent erscheinenden Organisation geworden. Gerade deshalb ist er vorsichtig, wenn es um Reformen geht. Zum Beispiel bei der geplanten Abschaffung der Luxusreisen von IOC-Mitgliedern in olympische Bewerberstädte. Oder in der Frage des Umgangs mit nachweislich korrupten IOC-Mitgliedern wie dem Indonesier Mohamad Bob Hasan. Der sei von seinen Aufgaben suspendiert, sagt Rogge, den Rest kläre eine Ethik-Kommission. Das Thema Korruption ist das heikelste für das IOC. Kein Wunder, dass Rogge darauf nicht eingehen will.

Der neue IOC-Chef muss sich zuweilen um klare Antworten winden. Mehr Frauen in Führungspositionen, eine größere Autonomie für die NOKs - überall verspricht Rogge, sich für Veränderungen stark zu machen. Viel erreicht hat er noch nicht. Aber Fehler hat er auch nicht gemacht. Rogge ist kein regungsloser Mensch. Er bewegt sich nur langsam. Für das IOC ist das schon ein großer Fortschritt.

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