Sport : Und es ist immer noch schön

Nach dem 2:1 gegen Mitaufsteiger Augsburg erleben die Feiern von Hertha BSC ihren spritzigen Höhepunkt. Spieler und Fans johlen und tanzen – und Bier fließt eimerweise nicht nur in den Mund

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Berlin - Markus Babbel ist ein modebewusster Mensch mit einem Faible für dunkle Abendgarderobe, aber diesmal entscheidet er sich mit Bedacht für einen eher schlichten Trainingsanzug. Ja, die obligatorische Weißbierdusche, sie kommt am Sonntag eimerweise daher und ist dem Trainer von Hertha BSC angenehme Pflicht diesem 2:1-Sieg im letzten Saisonspiel über den Mitaufsteiger FC Augsburg. Als Babbel schon glaubt, alles überstanden zu haben, stürmt ein siebenköpfiges Kommando unter der Führung von Verteidiger Roman Hubnik den Presseraum des Olympiastadions. Alle sind sie bewaffnet mit Champagnerflaschen aus dem Hause Pommery, sie brüllen und johlen, sie tanzen und spritzen. Markus Babbel trägt es mit Fassung und nimmt eine Flasche mit als Souvenir.

Sie feiern ja jetzt schon ein paar Wochen lang, aber nie ist ihnen die Erleichterung über die erfüllte Mission Aufstieg so stark anzumerken gewesen wie in diesem Augenblick, gut eine halbe Stunde nach dem letzten Schlusspfiff. Endlich ist es vorbei! „Ich habe den Aufstieg versprochen, und ich habe Wort gehalten“, sagt der vor Champagner triefende Babbel und bedankt sich beim Verein für „den Mut, mir diese Aufgabe anzuvertrauen, es ist ja nicht selbstverständlich, einen jungen Trainer zu verpflichten“. Es folgt eine Eloge auf seinen Stab vom Busfahrer bis zum Kotrainer und ein Glückwunsch für den Augsburger Kollegen Jos Luhukay, der wiederum Babbels „fantastische Arbeit“ preist und Hertha als „hochverdienten Meister“ würdigt.

Alle haben sie sich lieb, erst auf dem Rasen und später bei den obligatorischen Zeremonien. Alles schon tausendmal gesehen und doch einmalig für die Beteiligten: Die Konfettikanone arbeitet auf Hochtouren, der Stadionregie spielte den üblichen Jubeleinheitssound, und unten auf dem Rasen tanzt eine blau-weiße Partygesellschaft.

Berlin ist wieder wer im Fußball.

Vor einem Jahr haben hier die Bayern ihre deutsche Meisterschaft gefeiert, aber für Berlin und Hertha war es damals ein sehr trauriger Tag. Längst vergessen. Hertha BSC kehrt zurück in die Erste Liga, und zur finalen Feier kommen 77 116 Zuschauer plus Herthas früherer Torjäger Marko Pantelic ins Olympiastadion. Zum Abschied von der Zweiten Liga gibt es mit dem 23. Sieg im 34. Spiel noch einen Zweitliga-Rekord und, sehr viel emotionaler, den Abschied von Herthas Rekordspieler Pal Dardai.

Das Trikot mit der Nummer 8 spannt leicht überm Bauch, die Schritte sind ein wenig kürzer geworden, aber es reicht für 42 letzte Profiminuten des dienstältesten Herthaners. Trainer Markus Babbel wartet mit der Auswechslung, bis Dardai einmal kurz im Mittelkreis verweilt. Schon in seinen ersten Sekunden als Profi a.D. darf er aus bester Perspektive ein Tor bestaunen. Dardai absolviert gerade mit seinem Sohn auf den Schultern die Ehrenrunde, da drischt Lasogga den Ball nach Ronnys Ecke aus zehn Zentimetern zum 1:0 ins Augsburger Tor. Wahrscheinlich wäre der Ball auch so ins Tor getrudelt, aber in solchen Dimensionen denkt einer wie Lasogga nicht, „da musst du als Stürmer egoistisch sein“, sagt er, „der Ball war doch vorher noch nicht drin, oder?“

Beide Mannschaften mühen sich nach Kräften um die Simulation eines echten Wettkampfes, aber naturgemäß gelingt es ihnen nicht immer, mit dem Wissen um den sicheren Aufstieg im Hinterkopf. Das Publikum amüsiert sich trotzdem, es feiert sich selbst und nimmt auch den Augsburger Ausgleich Mitte der zweiten Halbzeit gelassen zur Kenntnis. Stephan Hain profitiert bei seinem 1:1 auch davon, dass Herthas Innenverteidiger Andre Mijatovic und Roman Hubnik die Abwehrorganisaton schon auf Autopilot geschaltet haben.

Am Ende wird doch noch alles gut, weil der für Lasogga eingewechselte Rob Friend allen noch mal zeigen will, dass er kein zwei Millionen Euro teures Missverständnis ist. In Minute 72 reißt Gibril Sankoh den Kanadier im Strafraum um. Dafür bekommt der Augsburger die Rote Karte und Hertha einen Elfmeter, Lewan Kobiaschwili verwandelt ihn zum Siegtreffer. Als höflicher Partygast verzichten die Augsburger auf Kompensation und mucken nur noch einmal kurz auf, als Marcel de Jong an den Pfosten schießt.

Dann nehmen die Feierlichkeiten ihren Lauf. Erst auf der offiziellen Bühne der Deutschen Fußball-Liga, wo Pal Dardai als erster seine Medaille bekommt und Kapitän Mijatovic als letzter die Spieler die Meisterschale, sie sieht wirklich aus wie eine Radfelge. Weiter geht’s zum Stelldichein mit den Fans vor der Ostkurve und später zur offiziellen Meisterparty auf Eiswerder. Am Dienstag fliegt die Mannschaft zur Aufstiegssause nach Mallorca, und dort werden Bier und Champagner wohl nicht nur zum Duschen des Trainers verwendet.

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