Sport : Und fällt und fällt und fällt

Wladimir Klitschko verliert nach nur 207 Sekunden seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen Corrie Sanders

Michael Rosentritt

„Ich lese doch, was über mich geschrieben wird, dass mir die Zukunft gehört, dass ich in den nächsten Jahren das Schwergewicht dominiere. Aber das kann ganz schnell vorbei sein, dafür reicht ein einziger Schlag.“

Wladimir Klitschko vor dem Kampf gegen Corrie Sanders

Hannover. Wildfremde Menschen fassen sich plötzlich an den Händen wie bei einer Lichterkette. Es ist der Moment, als das Entsetzen um sich greift, weil oben im Ring bei Wladimir Klitschko die Lichter ausgehen. 11 000 Münder sind aufgerissen. Es ist wie eine schreckliche Sensation. 11 000 Menschen in der Preussag Arena trauen ihren Augen nicht. Da liegt er nun, der 2-Meter-Koloss aus Kiew. Mitten im Ring, bäuchlings vor den Füßen des Ringrichters. Der Kampf ist zu Ende. Nach nur 207 Sekunden liegt der 26-jährige Schwergewichtsweltmeister regungslos am Boden.

Der Held ist gestürzt. Zu Fall hat ihn Cornelius Johannes Sanders aus Südafrika gebracht, ein 37-jähriger Hobbygolfer und gelernter Polizeibeamter. Vier Mal holte er den hochgelobten Klitschko von den Beinen. Das erste Mal ist entscheidend, als Sanders’ Linke als Konter geschlagen schneller ist als die schwere Rechte des Weltmeisters. Unter dem Schlag Klitschkos trifft Sanders krachende Linke auf der Innenbahn die Kinnspitze. Klitschko sackt zusammen. Und während ihn der Ringrichter das erste Mal anzählt, blickt Klitschko hoch auf zu Sanders. „Ich habe die Unsicherheit in seinen Augen gesehen“, wird Sanders später erzählen. Auf seinen schwammigen Beinen ist Klitschko ein leichtes Opfer. Unkoordiniert taumelt er den nächsten Treffern entgegen. Und fällt und fällt und fällt.

Die entgeisterten Zuschauer wissen nicht so recht, was sie mit diesem Ausgang anfangen sollen. Niemand sitzt. Einige pfeifen, andere kreischen. Jetzt klatschen sie. Die meisten scheinen sich zu ärgern. Viele schlagen sich die Hände vor den Kopf. Bis zu 322 Euro haben sie für ein Ticket bezahlt. Nach und nach realisieren sie, was geschehen ist. Der talentierteste Boxer seit Jahren, der Prinz des Schwergewichts, ist entthront worden.

Oben im Ring drückt jemand dem immer noch benommenen Klitschko einen Handstrauß in seine Rechte, die schon so viele Boxer auf die Bretter geschickt hat. Wladimirs Bruder Witali stiefelt auf Sanders los, gerade so, als wollte er jetzt und hier seinen Bruder rächen. Während der Geschlagene sich später an das, was in diesen Minuten abläuft, „nicht mehr erinnern kann“, berichtet Witali mit etwas Abstand von seiner kleinen Unterhaltung mit Sanders. „Ich fand, dass er sehr frech war.“ Die dabei benutzten Schimpfworte mochte der ältere Klitschko nicht mehr rezitieren. „Aber ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass der Titel wieder zurück in die Familie kommt.“

„Ich wollte kein Fraß sein“, erzählt ein gut gelaunter Sanders weit nach Mitternacht. Von diesem frühen Ende war er auch überrascht worden. „Es war meine letzte Chance, und die habe ich genutzt. Aber Wladimir ist jung, und wenn er wieder seinen linken Jab benutzt, wird ihm die Zukunft gehören.“ Dafür muss er jetzt einen kleinen Umweg nehmen. Klitschkos Promoter Klaus-Peter Kohl, der Anfang des Jahres einen viel versprechenden Vertrag mit dem US-Sender HBO geschlossen hatte, ist blass. „Diese Niederlage bringt uns nicht gerade weiter“, stammelt der Hamburger. Genau genommen durchkreuzt sie die Pläne von Kohls Universum-Promotion, die einen schnellen Durchbruch in der äußerst profitträchtigen amerikanischen Box-Szene vorsahen. Nur ein WM-Titel bringt Kohl wieder in eine bessere Verhandlungsposition mit HBO. Der Vertrag sieht die Übertragung von neun Universum-Kämpfen vor, sechs davon in den USA.

Wieder bei Besinnung spricht Wladimir von schweren Momenten: „Boxen ist der Sport, der dem Leben am nächsten kommt – man wird halt mal erwischt. Aber ich komme wieder.“ Tapfer prophezeit der verhauene Weltmeister seine Wiederauferstehung. „Ich habe die Kraft, wieder aufzustehen. Ich brauche keine Aufbaukämpfe, am liebsten wäre mir eine direkte Revanche.“

Diesen Optimismus teilt auch George Foreman, der als Kommentator für HBO am Ring ist. „Er wurde kalt erwischt. Das ist uns allen schon mal passiert“, sagt Foreman, während er Autogramme kritzelt. „Mir gefällt es sogar ganz gut, weil Wladimir gereizt wird, wieder aufzustehen. Wladimir kommt wieder und wird noch größer sein als vorher.“

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