Sport : Und jetzt bitte entspannen!

Jürgen Klopp ist der Bauch von Borussia Dortmund – und das Herz. Das macht ihn für Bayern interessant, den Gegner heute. Aber etwas fehlt noch

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Hut ab. Seit Jürgen Klopp Trainer in Dortmund ist, ging es für den Verein stetig nach oben. Heute tritt der BVB zum Spitzenspiel in München an.Foto: dpa
Hut ab. Seit Jürgen Klopp Trainer in Dortmund ist, ging es für den Verein stetig nach oben. Heute tritt der BVB zum Spitzenspiel...Foto: picture alliance / dpa

Jürgen Klopp will auch vor kleinem Publikum der Größte sein. Zehn Trainer von Amateurvereinen durften während der Länderspielpause dem Chefcoach von Borussia Dortmund bei einer Videoauswertung assistieren. Der Analyst Peter Krawietz werde beim BVB „das Auge“ genannt, sagte Klopp dabei, Kotrainer Zeljko Buvac „unser Gehirn“. Augenzwinkernd schob der 44-Jährige hinterher: „Bleibt die Frage, was bin eigentlich ich?“

Man könnte Klopp als Bauch des BVB bezeichnen, als Stimme, ja sogar als Herz oder Seele des Vereins. Sportdirektor Michael Zorc sagt: „Er ist ein wunderbares Gesicht für Borussia Dortmund.“ Was diesen Mann seit dreieinhalb Jahren so wertvoll macht, kann das Dortmunder Urgestein benennen: „Er verstellt sich nicht, er kommt nicht nur bei der Mannschaft, sondern auch bei den Medien so rüber, wie er wirklich ist.” Diese Fähigkeit ist in der Glitzerwelt des Profifußballs längst nicht jedem Protagonisten gegeben.

Klopp tritt jugendlich forsch auf, zuweilen schlägt er aber an der Seitenlinie über die Stränge. Sein Verhältnis zu den Spielern gilt als exzellent, auch wenn es nicht so kumpelhaft ist, wie oft dargestellt. Klopps Stärke ist seine soziale Kompetenz – eine nicht zu unterschätzende Qualität in einem solch filigranen Geflecht wie dem einer Profimannschaft, in dem lauter Charaktere aufeinander treffen, die ein hohes Anspruchsdenken verinnerlicht haben. Selbst wenn er mal nicht auf dem Rasen steht – Klopp gibt jedem seiner Spieler das Gefühl, von elementarer Wichtigkeit zu sein. Zuletzt setzte Klopp den wider Willen als Nuri-Sahin-Nachfolger gehypten Ilker Gündogan auf die Tribüne. Nicht, um den formschwachen Jung-Nationalspieler zu degradieren, sondern um ihn aus dem Fokus zu nehmen. Die mitgelieferte Botschaft lautete: „Deine Zeit wird kommen, ich glaube an Dich.“

Dem als chronischen Chancentod belächelten Robert Lewandowski stärkte Klopp demonstrativ den Rücken. Mit dem Resultat, dass der Pole nun in Abwesenheit des verletzten Torjägers Lucas Barrios regelmäßig trifft. Die Fähigkeit, zu moderieren und sich in einem komplizierten Umfeld konstruktiv einzubringen, eint Klopp und seinen Kollegen Jupp Heynckes, die sich heute (18.30 Uhr, live bei auf Sky) im Spitzenspiel der Bundesliga begegnen. Wenn der Tabellenführer aus München den Verfolger aus Dortmund empfängt, ist das nicht nur die Revanche für den spektakulären 3:1-Sieg des BVB in der letzten Saison, sondern auch das Duell der beiden schillerndsten Trainer-Protagonisten, die Deutschlands Fußballszene derzeit zu bieten hat.

Beide sind ganz anders im Auftreten. Während Klopp meist instinktiv das Richtige tut und das laut betont, hat der deutlich ältere Heynckes diese Phase hinter sich gelassen. Früher wollte der ehrgeizige Rheinländer oft alles auf einmal, legte sich regelmäßig mit Stars an und hinterließ etwa in Frankfurt am Main einen Scherbenhaufen. Heute tritt Heynckes altersweise auf, agiert umsichtig und souverän. „Die Bayern haben mit ihm einen Trainer bekommen, der ideal zur Mannschaft passt“, hat Klopp beobachtet. „Im Gegensatz zu früher ist Heynckes mittlerweile tiefenentspannt und kann die Spieler sein lassen.” Das ist eine gute Grundlage, um sich in einem Minenfeld voller Stars sicher zu bewegen. Und in einem Umfeld, in dem es sich ehemalige Stars nicht nehmen lassen, im Tagesgeschäft mitzureden. Klopp ist so entspannt noch nicht, hat es mit den kleineren Egos in Dortmund aber auch leichter.

Doch trotz seines extrovertierten Auftretens wäre Klopp durchaus ein geeigneter Nachfolger in München. Angesichts seiner Erfolge gerade mit jungen Spielern wird darüber immer wieder spekuliert. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke verweist auf den bis 2014 dotierten Vertrag: „Wir ziehen das Ding mit Jürgen durch, da kann der FC Barcelona rufen, der FC Bayern oder die deutsche Nationalmannschaft.“ In Dortmund scheint man ihm das alles zuzutrauen.

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