Sport : Und plötzlich ist nur noch Angst da

Der „Fall Deisler“: Warum Höchstleistungen und Depressionen nahe beieinander liegen – ein Plädoyer für mehr Aufklärung

Chaia Trezib

Berlin - Sebastian Deisler steht im Strafraum, ein Ball fliegt präzise auf ihn zu, er muss ihn nur ins leere Tor spitzeln. Aber er merkt, dass sein Körper nicht weiß, was er zu tun hat. Er hat es einfach vergessen. Der Ball trudelt vorbei ins Toraus, und von den voll gefüllten Rängen des Stadions schlägt ihm ein Aufschrei von Wut, Enttäuschung und Ablehnung entgegen. Das Spiel wird abgepfiffen, und in der Kabine sagt der Trainer: Deisler, du musst noch einmal in die A-Jugend.

Jemand wie ich, der mit Depressionen sowohl im Umgang mit Betroffenen als auch durch eigene leidvolle Erfahrungen Erkenntnisse gesammelt hat, stellt sich manchmal vor, dass Sebastian Deisler solche Träume hat. Dieses Bild ist überzeichnet. Aber für einen, der weiß, was eine Depression bedeuten kann, ist Deislers bisher so überzeugendes Comeback nach seinem ersten Klinikaufenthalt überraschender als die Tatsache, dass er sich jetzt erneut unter ärztliche Beobachtung begeben hat.

Dass der „Fall Deisler“ so sehr im Medieninteresse steht, ist ein Teil der Komplikation – das Bild in der Öffentlichkeit und die eigentliche Berufsausübung fallen beim Sportler meist zusammen. Die Öffentlichkeit versteht oft gar nicht, was eine Depression bedeutet, trotzdem darf diese Krankheit anscheinend nicht zum Bild des Leistungssportlers passen.

Dabei liegen Höchstleistung und Depression oft nahe beieinander. Ich kannte einen Patienten, der über den Sport als Umweg zu einer schwer wiegenden depressiven Essstörung kam. Er war als Free-Climber Deutscher Juniorenmeister geworden. Eines Tages merkte er, dass er sich, wenn er vor Wettkämpfen zwei Tage nichts aß, besser fühlte: leichter, stärker. Aus den zwei Tagen wurden drei, dann vier. Er entwickelte eine Sucht nach Hunger. Mit dem Klettern ging es bis zu einem gewissen Punkt immer besser – bis zum völligen Kollaps. Als ich ihn in der Klinik kennen lernte, wog er, mit 17 Jahren, 34 Kilogramm; wirklich leben wollte er nicht mehr. Die Höchstleistung, die er sich abverlangt hatte, war nichts anderes als das Spiegelbild seiner unerklärlichen inneren Trauer. Beim Klettern hatte er nie Angst gehabt – jetzt hatte er vor allem und jedem Angst.

Der Fall Deisler ist gewiss anders geartet. Aber ganz sicher kommen zu den Höchstleistungen, die sich ein Sportler wie Deisler abverlangt, noch der Stress, der Druck, die Erwartungen hinzu, die sich mit einem Star verbinden. Je größer die Erwartungshaltung, desto höher türmt sich auch die Angst zu versagen – bis sie außer Kontrolle gerät und in Erschöpfung und Resignation mündet. Deisler hat den Nachteil – der zugleich sein Vorteil sein könnte –, dass er sich nicht, wie die meisten depressiv Erkrankten, in die Anonymität zurückziehen kann. Deisler ist bisher sehr offensiv, sehr mutig mit seiner Krankheit umgegangen. Er hat sie öffentlich gemacht. Das allein bedeutet große Stärke, die ihm weiterhilft.

Es gehört leider noch immer zu den am weitesten verbreiteten Vorurteilen, eine Depression sei eine Art von schlechter Laune, eine Charaktereigenschaft. Eine Depression ist eine äußerst schwerwiegende, nicht selten tödlich endende Krankheit, die zudem körperlich im Hirnstoffwechsel verankert ist. Es fällt vielleicht nur wesentlich schwerer, sie als solche zu akzeptieren, weil sie nach außen oft nicht leicht identifizierbar ist und weil man bis heute nicht genau weiß, wie sie zu kurieren ist. Hätte sich der Bayernstar ein Bein gebrochen, keiner hätte ein Problem damit. Für einen Fußballfan geht es in Ordnung, seine körperlich lädierten Helden auf der Tribüne leiden zu sehen. Mit dem Stigma des Weicheis, der Heulsuse aber ist in der Männerwelt Fußball nur schwer zurechtzukommen.

Die Depression folgt auch nicht, wie Laien glauben, einem rationalen Muster. Deisler hat während der ersten Krankheitspause viel Rückendeckung erhalten, ihm gelang ein Comeback, er ist Vater geworden – ist nicht all das ermutigend? Offenbar aber sind Schmerz und Angst manchmal so groß wie ein unüberwindbares Hindernis. Was aber, wenn er immer wieder versagt? Wie lange wird die Öffentlichkeit bereit sein, Verständnis aufzubringen mit einem kranken Idol? Das sind möglicherweise Fragen, die Deisler umtreiben.

Leider – auch hier hat die Öffentlichkeit meist ein falsches Bild – ist eine Depression oft eine Krankheit, bei deren Genesung man nicht in Wochen, nicht einmal in Monaten, sondern in Jahren denken muss. Es wäre verkehrt, davon auszugehen, dass Deisler bloß für eine Zeit Medikamente einzunehmen braucht, um wieder voll funktionstüchtig zu sein. Letztlich kann man Deislers Erkrankung wie ein zusätzliches Verletzungsrisiko betrachten – ein seelisches Verletzungsrisiko. Der entscheidende Punkt ist, ob Vereine bereit sind, dies mitzutragen.

Im Sport hat man hat längst erkannt, dass der „Erfolg im Kopf beginnt“. Boris Becker war einer, der immer auch von seiner mentalen Stärke gelebt hat. Franziska van Almsick hat, wenn sie ins Rennen musste, vorher mit Teampsychologen gesprochen, „locker bleiben und dein Rennen schwimmen“, haben die gesagt. Da ist der Kopf, da ist der Körper, und nur zusammen schaffen sie es eben. Daher gibt es alle möglichen Formen von Psycho-Coaching, die aus dem Sport nicht mehr wegzudenken sind. Und wer den neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann belächelt, weil er diese Methoden nutzen will, der hat nichts verstanden.

Das Spektrum der Methoden reicht von Meditation über autogenes Training bis zu anderen Therapiemöglichkeiten. Aufklärung ist möglich und notwendig, gerade im Sport, wo noch ein gewaltiges Wissensdefizit über Ursachen und Folgen von Depressionen herrscht. Man kann sich darüber informieren, dass es Unterschiede gibt zwischen den normalen Empfindungen eines Sportlers, die Versagensängste, Motivationsprobleme und Stress mit einschließen, und einer psychischen Erkrankung. Wenn es Depressionen sind, dann sind Kraftlosigkeit und Gleichgültigkeit Auswirkungen, keine Ursache der Krankheit. Wer dies auch im Umfeld der Betroffenen unterschätzt, verschärft die Situation nur.

Eine Erkenntnis bleibt schließlich allen, dass nämlich eine Depression jeden treffen kann – Erfolg und Prominenz sind als Prävention untauglich.

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