Sport : Und plötzlich ist der Titel nah

Der VfB Stuttgart gewinnt 3:2 beim VfL Bochum und kann nun aus eigener Kraft Deutscher Meister werden

Oliver Trust[Bochum]

Cacau stand auf dem Rasen und weinte wie ein Kind – vor Glück. Mario Gomez musste sich erst einmal informieren lassen, dass die Konkurrenz aus Gelsenkirchen und Bremen gepatzt hatte und er mit seinen Stuttgartern nach einem verrückten 3:2 (1:2)-Sieg in Bochum neuer Tabellenführer war. Mit zwei Punkten Vorsprung und nur noch einem letzten Saisonspiel gegen Energie Cottbus. Mit einem Sieg im Heimspiel ist Stuttgart Deutscher Meister. Als die frohe Botschaft schließlich bei allen in den roten Trikots angekommen war, tanzten sie wie wild vor der Fankurve. Ihre Anhänger waren längst die Fangnetze hoch geklettert und feierten mit ihnen in Schwindel erregender Höhe. Wie entfesselt waren sie nach dem Schlusspfiff aufeinander zu gelaufen, am Ende war es ein großer Haufen aus Leibern. Aus der VfB-Kabine tief im Bauch der Bochumer Arena drangen wenig später wilde Triumphschreie. Man gratulierte sich und versuchte vergeblich, nicht die Fassung zu verlieren. „Wahnsinn, wir sind so nah dran. Jetzt haben wir die Champions League sicher und nun wollen wir auch Deutscher Meister werden“, sagte Mario Gomez. „Wir haben es jetzt in der eigenen Hand und sind so nah dran. Wir müssen jetzt ruhig und konzentriert bleiben, wir haben noch ein Spiel zu spielen“, sagte Thomas Hitzlsperger.

Am 10. März hatte der Deutsch-Spanier Gomez gegen Wolfsburg sein letztes Spiel gemacht und war dann zehn Wochen wegen eines Innenbandrisses sowie eines Handbruchs ausgefallen. Jetzt war es sein erster Ballkontakt, der einem unglaublich packenden Spiel die Krone aufsetzte. Es war die 55. Minute als er ins Spiel kam und jetzt in der 61. Minute „fiel mir der Ball auf den Kopf“ (Gomez) und es stand 2:2. Die Stuttgarter waren zum zweiten Mal an diesen Nachmittag zurückgekommen, Gomez hatte sein 14. Tor erzielt. „Wir haben Moral bewiesen, großartig“, sagte Gomez und deutete rüber zu Timo Hildebrand. „Da steht der, bei dem wir uns bedanken können. Er ist ein Teufelskerl, es gibt wohl keinen Zweifel mehr, wer die Nummer eins wird“, sagte Gomez im Überschwang. Gomez’ Treffer folgte das 3:2 durch Cacau, der wie Hitzlsperger und Hildebrand eine überragende Partie gegen einen leidenschaftlich kämpfenden VfL Bochum abgeliefert hatte. Was Gomez genau meinte, war die Szene in der 86. Minute, als Hildebrand wie ein Handballtorwart mit einem guten Reflex einen Schuss Christoph Dabrowskis aus Nahdistanz abwehrte. „Da habe ich schon schwarz gesehen“, sagte VfB-Manager Horst Heldt. Aber Stuttgart hielt den Vorsprung. „Der nervliche Druck war enorm, er war brutal“, sagte Heldt.

Schon nach vier Minuten gab es den ersten Rückschlag für den VfB. Oliver Schröder erzielte die Bochumer Führung. Hitzlsperger hatte den Ausgleich geschafft, bevor Bochum kurz vor der Pause erneut in Führung ging. 2:1. Es begann zu regnen und nicht mehr viele Stuttgarter glaubten an eine Wende. Bis um 16.39 Uhr Mario Gomez die Order erhielt, sein Aufwärmprogramm zu beenden und in sein Trikot zu schlüpfen. Jubel brach auf den Rängen unter dem Stuttgarter Anhang aus. Erste Gomez-Sprechchöre hallten durch das Stadion. Gomez kam – und traf mit seiner ersten Ballberührung.

Als die Sieger schließlich aus der Kabine eine Betontreppe hoch zu ihrem Bus kletterten, wurden sie von hunderten Anhängern begeistert gefeiert. Sie jubelten ihren Fans noch einmal zu und fuhren dann ab, um noch rechtzeitig den Intercity nach Köln zu erwischen. Dort musste die Mannschaft, die nun beste Chancen hat, nach 1992 zum fünften Mal Deutscher Meister zu werden, umsteigen. „Ich weiß nicht, was es im Zug zu trinken gibt, aber wir werden das noch erfahren“, sagte Heldt. Am Ende aber mahnte der Manager noch einmal zur Besonnenheit. „Ich erinnere daran, dass wir noch ein Spiel haben. Dass heute Frankfurt in Bremen gewonnen hat, zeigt doch alles.“ Und Trainer Armin Veh sagte: „Abgerechnet wird am Schluss, auch, wenn das ein langweiliger Spruch ist.“ Viele haben ihm in dem Moment aber nicht mehr zugehört.

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