Sport : Und raus sind wir

Die deutschen Fußballklubs beklagen das schlechteste Abschneiden im Europapokal seit 21 Jahren

Felix Meininghaus,Martin Hägele

Von Felix Meininghaus

und Martin Hägele

Mailand . Nach dem Abpfiff versagten die Beine den Dienst. Sebastian Kehl sank erschöpft auf den Rasen des Giuseppe-Meazza-Stadions, auch Jan Koller konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Den deutschen Fußball-Fans bot die Aussicht auf die darniederliegenden Stars ausreichend Anlass zur Enttäuschung. Zum einen, weil es Borussia Dortmund trotz des 1:0-Sieges beim AC Mailand nicht mehr gelungen war, das Ausscheiden aus der Champions League zu verhindern. Zum zweiten, weil es das schlechteste deutsche Abschneiden im Europapokal der letzten 21 Jahren besiegelte.

Es wird ein schwarzer Freitag für die Bundesliga sein, wenn morgen im Hauptquartier der Uefa in Nyon die besten zwölf Mannschaften des Kontinents ihre nächsten Gegner in Champions-League und Uefa-Cup zugelost bekommen. Die Vertreter der deutschen Klubs, von denen es keiner ins Viertelfinale geschafft hat, werden nicht im Saal sitzen – sie werden sich stattdessen mit der Aufarbeitung des Misserfolgs beschäftigen.

BVB-Trainer Matthias Sammer begann damit noch in Mailand, und er begann bei sich selbst. Den wertlosen dritten Gruppenplatz habe er zu verantworten. Hätte er in der Schlussminute gegen Madrid nicht oder anders gewechselt und beim ersten Treffen mit AC Mailand seinen Leuten ein bisschen mehr Courage verordnet, wäre Dortmund nun noch im Rennen. Dabei sind die Westfalen das Team, das in dieser Saison noch am ehesten in der Champions League überzeugt hat: Der FC Bayern schied schon in der Vorrunde aus, Bayer Leverkusen stellte nach zwei erfolglosen Spielen in der Zwischenrunde sämtliche Bemühungen ein und scheint sich für Jahre aus dem Kreis der internationalen Top-Klubs verabschiedet zu haben.

Es ist daher kein billiges Kompliment, wenn Uli Hoeneß sagt, der BVB habe sich in der Champions League „gut verkauft und das Soll erfüllt“. Um den Konkurrenten müsse man sich im kontinentalen Vergleich ebenso wenig Sorgen machen wie um seinen eigenen Klub, sagt der Manager der Bayern. „Beide Vereine sind international stark dabei“. Dennoch übt auch Hoeneß Selbstkritik. Nach den Lobreden für das „weiße Ballett“ zu Saisonbeginn habe sich Selbstgefälligkeit breit gemacht. „Wir sind nachlässig rausgeflogen“, sagt Hoeneß, „es war ein Betriebsunfall, aber wir haben die Lehren daraus gezogen.“ Einen Knacks in der Reputation befürchtet er für die beiden Vorzeigeunternehmen der Liga nicht. „Ein Imageverlust entsteht erst über Trends, wenn man zwei oder drei Jahre international keine Rolle spielt.“

Allerdings stellt sich Hoeneß die Frage nach dem nationalen Wettbewerb. „Sind wir so gut – oder hat die Qualität der andern nachgelassen?“ In Cottbus oder Bochum spürten die Bayern kaum Widerstand, dafür deutliche Resignation. Dieses leise Zurückschrauben der Ansprüche scheint sich auf die ganze Liga übertragen zu haben. Nur der VfB Stuttgart zeigte auch international jenes Selbstbewusstsein, das der deutsche Fußball einst als Markenzeichen ausstrahlte.

Das sind schlechte Voraussetzungen für die Verhandlungen um den neuen TV-Vertrag für die Champions League anstehen. Die Millionen werden nicht mehr so sprudeln wie zuletzt, das weiß die Branche. Psychologisch befinden sich die Topklubs der Liga deutlich im Nachteil, wenn während der Verhandlungsphase keiner ihrer Stars durchs Fernsehbild läuft. Und so wird sich der nächste Kontrakt wohl deutlich mehr am Gebot des Pay-TV-Senders Premiere oder des Partners RTL orientieren als an den Vorstellungen der Klubs. Falls RTL überhaupt wieder in den Preispoker einsteigt. Auf die weitere Liveübertragung der laufenden Saison will der Sender bereits verzichten.

Trotzdem wollen Hoeneß und Co. nicht alle Einbußen hinnehmen. Der Manager empfiehlt, „ein paar Besserungsklauseln reinzuschreiben“ – etwa anhand von Einschaltquoten, da wäre bei positivem Geschäftsverlauf ein Nachschlag fällig. Für Hoeneß stellt sich die Lage nur als kurzfristige Malaise dar. In ein, zwei Jahren sei es um den Fußballmarkt wieder besser bestellt, glaubt er, „im Vorfeld der WM und einer einhergehenden Erholung der Wirtschaft.“

Weniger optimistisch sehen die Verantwortlichen des BVB die Lage. Die finanziellen Kräfteverhältnisse müssten sich angleichen, sagt Manager Michael Meier. Was das Gehaltsgefüge beträfe, seien die europäischen Topklubs „noch immer Lichtjahre entfernt von dem Niveau, das wir bieten können“. Für gesund hält er die teils noch horrenden Lohnzahlungen nicht. „Lazio und der AS Rom können die astronomischen Summen schon lange nicht mehr zahlen“, sagt Meier. „Ich bin gespannt, wie sich die Dinge in Europa entwickeln.“ Erst einmal nicht zu Gunsten des BVB: Meier schätzt den Verdienstausfall des börsennotierten Klubs durch das Aus „auf vier bis fünf Millionen Euro“.

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