Sport : Und sie fahren weiter

Der Radsport reagiert geschockt auf die Vorwürfe. Ein Besuch beim Rennen am Henninger Turm

Hartmut Scherzer[Frankfurt am Main]

Es sollte um Radsport gehen, den Wettstreit Mann gegen Mann auf schnellen, leichten Rädern. Das Publikum stand dichtgedrängt an der Strecke in Frankfurt am Main, erwartungsfroh. Die Sonne schien. Doch all das wirkte nur wie eine Kulisse am Dienstag beim Traditionsrennen „Rund um den Henninger Turm“. Die in einem Buch erhobenen Vorwürfe des früheren belgischen Pflegers des Teams Telekom, Jef d’Hont, gegen seine frühere Mannschaft hat die Radsportszene erneut geschockt. Und so ging es nicht um das Fahrradfahren, sondern um Doping. Sofern das überhaupt zu trennen ist.

Ob vorab auf der Pressekonferenz zur Rad-WM in Stuttgart, ob bei der vorabendlichen Talkrunde im gedeckten Konferenzsaal des Teamhotels, ob im Fernsehstudio des Hessischen Rundfunks – deutsche Fahrer, Team- und Pressechefs wurden nur mit dem D-Wort konfrontiert. Da wurde das Rennen, das Patrik Sinkewitz vom T-Mobile-Team im Spurt nach 190 Kilometern vor Kurt-Asle Arvesen aus Norwegen gewann, zum Nebenschauplatz. Nur das Publikum reagierte, als wäre nichts passiert. Am Fuße des Henninger Turms auf der Darmstädter Landstraße gab es Beifall für alle Mannschaften – den größten erntete Erik Zabel, jetzt im Milram-Team. Kein einziger Pfiff ertönte, auch nicht gegen die acht T-Mobile-Fahrer, deren Vorgänger-Generation mit Bjarne Riis und Jan Ullrich in den Neunzigerjahren systematisch, so die Anschuldigungen des belgischen Insiders, gedopt haben soll.

Doping und Radsport – ist das noch zu trennen? Die Nachrichten reißen jedenfalls nicht ab. Ivan Basso, wie Jan Ullrich in das Netzwerk des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes tief verwickelt, bat sein amerikanisches Team Discovery Channel um die Auflösung des im November 2006 geschlossenen Vertrages. Das Team Tinkoff suspendierte den erst vor kurzem verpflichteten Ansbacher Jörg Jaksche sowie Zeitfahr-Olympiasieger Tyler Hamilton. Beide sollen Fuentes-Kunden sein. Die Kundenzahl soll sich in dem Madrider Blutlabor nach einem Bericht der „Gazzetta dello Sport“ von den bisher bekannten 58 auf 107 erhöht haben. Dies gehe aus neuen Ermittlungsakten der spanischen Behörden hervor. Ohne DNS-Probe soll künftig kein Fahrer mehr bei Olympia starten dürfen, kündigte Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, an. Es dürfte nicht die letzte Reaktion auf die anhaltende Krise des Sports sein.

T-Mobile reagiert in eigener Sache zunächst abwartend – anders als im Fall Ullrich, der am Tag vor dem letztjährigen Start der Tour de France spontan suspendiert worden war. „Wir werden jetzt nicht in Aktionismus verfallen, sondern alles gründlich prüfen. Ich würde den beschuldigten Teamärzten Heinrich und Schmid raten, sich jetzt erst einmal zurückzunehmen und sich mit ihren Anwälten zu beraten“, sagte Christian Frommert, Kommunikationsleiter des Bonner Konzerns. „Ich habe mit Heinrich in Lüttich gesprochen. Er dementiert“, sagte Rolf Aldag, Sportchef des Teams und als aktiver Profi Mitglied der Tour-Sieger- Mannschaften in den Neunzigern. „Jeder Fahrer wusste Bescheid“, behauptet dagegen d’Hont, der allerdings alle Beweise aus Angst vor einer Hausdurchsuchung vernichtet haben will. Jeder Fahrer wusste Bescheid – also auch Aldag? „Das ist definitiv nicht richtig“, antwortete Aldag am Dienstag. „Wir wussten nichts davon, obwohl es immer Gerüchte gab.“

Gerüchte. Indizien. Enthüllungen. Auch beim Rennen „Rund um den Henninger Turm“ sah es am Dienstag nicht so aus, als sollte der Radsport in absehbarer Zeit wieder zur Ruhe kommen und zu sich selbst zurückkehren. Trotz jubelnder Zuschauer, trotz eines spannenden Rennens.

Hans-Michael Holczer, der Gründer und Chef des so erfolgreichen deutschen Teams „Gerolsteiner“, sieht bereits sein Lebenswerk durch die Dopingseuche bedroht. „Ich habe aus dem Nichts eine Weltklasse-Mannschaft geformt, gebe 52 Personen Lohn und Brot, aber jeden Tag treffen uns neue erschütternde Doping-Berichte“, stöhnt Holczer. Aus seiner Sicht hilft nur eine Kraftanstrengung aller zur Aufdeckung des Betrugs: „Wir brauchen einen Abgleich aller 600 ProTour-Fahrer mit den bei Fuentes gelagerten 223 Blutbeuteln. Wir brauchen Aufklärung, sonst ist unser Sport in drei Jahren in der Versenkung verschwunden.“ Dann wäre vom Radsport nichts mehr zu sehen, nicht mal mehr eine Kulisse.

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