Sport : Und sie feiern doch

Der VfB Stuttgart steht für eine neue Genügsamkeit

Sven Goldmann
Timo Hildebrand DPA POOL
Und tschüss. Timo Hildebrand verabschiedet sich von Stuttgart ohne Pokal. Foto: APDPA POOL

Berlin - Um 1.24 Uhr ist auch der letzte heikle Nachtordnungspunkt überstanden: Günther Oettingers Grußwort. Es sind schon ein paar Biere zum Verzehr gelangt, und an den Tischen werden Wetten darauf abgeschlossen, ob der Herr Ministerpräsident vielleicht Hans Filbinger posthum die Ehrenmitgliedschaft antragen wird. Doch Oettinger lobt nur die junge, tolle Mannschaft des VfB Stuttgart, er fasst sich kurz und gibt die Nacht frei zum Feiern.

Ja, sie feiern, auch wenn sie vor ein paar Stunden das Pokalfinale gegen den 1. FC Nürnberg verloren haben. Zu viel Erfolg sei auch nicht gut, sagt Klubpräsident Erwin Staudt und dass er im Fall eines Sieges zurückgetreten wäre, wie übrigens auch Manager Horst Heldt und Trainer Armin Veh. Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger innerhalb einer Woche, wie solle man sich da noch für die Zukunft motivieren? Allgemeine Heiterkeit befällt den großen Ballsaal des Hotel Esplanade.

Natürlich wollten sie das Endspiel gewinnen, mit aller Macht, sagt Trainer Veh, denn so oft erreiche man ein Pokalfinale nicht. Aber mit der Meisterschaft im Hinterkopf lasse sich auch Platz zwei als Erfolg feiern. „Jetzt lassen wir die Sau raus“, ruft Präsident Staudt.

Die rot-weiße Nacht am Landwehrkanal, sie weckte Erinnerungen an den 8. Juli des vergangenen Jahres. An das vorletzte Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft, es fand statt im Stuttgarter Daimlerstadion. Die Deutschen gewannen 3:1 gegen Portugal, es war das Spiel um Platz drei, nicht gerade der Traum eines Fußballspielers. Den Stuttgarter Fans war das egal. Sie belagerten das Mannschaftshotel am Hauptbahnhof und feierten ihre Helden bis in die frühen Morgenstunden. Die Bilder gingen um die Welt, und seit dieser Nacht im Juli steht Stuttgart für eine neue deutsche Genügsamkeit. Es muss nicht immer der totale Triumph sein, ein bisschen Triumph reicht auch, viel schöner ist es, Spaß zu haben und von den anderen gemocht zu werden.

So hat auch die Niederlage von Berlin etwas Positives. Sie gibt dem VfB Stuttgart die Chance, ein sympathischer Meister zu sein. Kein raffgieriger, der auf seinem unverhofften Höhenflug gleich das Double abräumt.

Armin Veh sieht mitgenommen aus. Die Augenringe des Stuttgarter Trainers zeugen davon, dass die Tage seit dem Gewinn der Meisterschaft so einfach wohl nicht waren. Aber Veh mag nichts davon hören, dass seine Mannschaft zu viel gefeiert und sich nicht angemessen auf das Pokalfinale vorbereitet habe. „Wir haben neunzig Minuten lang einen Mann weniger auf dem Platz gehabt. Glauben Sie, wir hätten das Spiel so lange offen halten können, wenn wir nur gefeiert hätten?“

Cacau betritt den Ballsaal. Der Mann, der so früh vom Platz geflogen ist. Mit seiner versuchten Tätlichkeit gegen den Nürnberger Andreas Wolf hat er seinen Kollegen das kräftezehrende Spiel in Unterzahl eingebrockt. Im Stadion hat Cacau noch geweint, aber ein paar Stunden später scheinen die seelischen Schmerzen doch erträgliche Formen angenommen zu haben. Cacau trägt seine Tochter auf dem Arm, er lächelt und lobt den Kampfgeist seiner Mitspieler, „das hat doch gezeigt, dass wir wirklich eine Mannschaft sind“. Nein, zur Roten Karte wolle er nichts sagen. Armin Veh lässt ausrichten, er werde Cacau jetzt nicht den Kopf abreißen.

Ob Mario Gomez das genauso entspannt sieht? Der Stürmer war lange verletzt, er hat hart für sein Comeback gearbeitet und die entscheidenden Spiele als Einwechselspieler mitgemacht. Wie wäre das Pokalfinale gelaufen, wenn nicht Cacau, sondern Gomez von Anfang an gespielt hätte? Bei der Siegerehrung ist er als einziger Stuttgarter Spieler bis zum Schluss auf dem Rasen geblieben, brav hat er den Nürnbergern applaudiert und sich dann von den Fans auf der Tribüne verabschiedet. Gomez ist jung und ehrgeizig und wirkt ein wenig verloren unter seinen weinseligen Kollegen im Esplanade. Die Stuttgarter Spieler essen und trinken und tanzen, ein paar tragen Trainingsanzüge, andere Jeans, im offiziellen Klub-Zweireiher ist niemand zu sehen.

Um halb vier wagt auch Mario Gomez die ersten Tanzschritte.

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