Sport : Understatement statt Übergewicht

Mit ungewohnter Zurückhaltung arbeitet sich Jan Ullrich bei seinem Comeback voran – den „Fleche Wallone“ nutzt er als Trainingseinheit

Hartmut Scherzer

Huy . Jan Ullrich hat sich diesmal Zeit gelassen. Tradition hin, öffentliches Interesse her, der Rad-Olympiasieger hat das Rennen um den „Fleche Wallone“, den wallonischen Pfeil, lediglich als Trainingseinheit genutzt. Als der Spanier Igor Astarloa als Schnellster einer Ausreißergruppe über die Ziellinie spurtete, rollte Ullrich noch gemächlich mit dem Hauptfeld durch die belgischen Berge. Zwei Tage nach seinem überraschenden Sieg bei „Rund um Köln“ hielt der Deutsche sich merklich zurück und kam mit 2:01 Minuten Rückstand ins Ziel. Auch die anderen Favoriten schonten sich für den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich am Sonntag. So gab Alexander Winokurow vom Team Telekom, am Ostersonntag noch überraschender Sieger beim Amstel Gold Race, nach 140 Kilometern auf.

Im Mittelpunkt stand am Mittwoch aber Jan Ullrich, und das schon vor dem Rennen. Kaum ein Fahrer wurde bei der Präsentation so begeistert empfangen wie der Coast-Kapitän. Der gefallene deutsche Radsport-Held ist wieder da. Das sehenswerte Solo über die Brücken und entlang der Ufer des Rheins war zu einer Triumphfahrt geworden. Natürlich wollte Ullrich den Sieg bei „Rund um Köln“ sportlich nicht überbewerten. „Ich habe Glück gehabt“, sagte er. „Die Konstellation war günstig.“ Dennoch genoss Ullrich den Beifall der Menschenmenge und nach 18 leidvollen Monaten wieder das „unfassbare Glücksgefühl" des Siegers.

Vor allem aber hat Ullrich, erst in Aragon und dann im Bergischen Land, die Gewissheit gewonnen, dass das zweimal operierte rechte Knie alle Anstrengungen aushält und der sorgsame Formaufbau stabil wird. „Das ist Lohn für die Quälerei", sagte Ullrich zufrieden. „Den habe ich gebraucht." Seit 1997, dem Jahr des Tour-Triumphes, hat er nicht so ausdauernd, intensiv und problemlos für die Saison trainiert und sich bereits im Frühjahr in derart guter körperlicher Verfassung gezeigt. Der Fahrer misstraut noch seiner guten Form. „Ich befürchte, das geht alles zu schnell. Es wird Rückschläge geben. Alles andere wäre Quatsch."

Für sein Comeback hat sich Jan Ullrich mit 29 Jahren eine neue Mentalität angeeignet, er hat gelernt aus den Rückschlägen im verlorenen Jahr 2002. Ullrich sagt inzwischen gern: „Ich habe nichts zu verlieren." Diesen Satz lässt er in jede Prognose und in jedes Resümee einfließen. Vor dem Start bei „Rund um Köln“ hatte er voller Überzeugung verkündet: „Gewinnen kann ich auf keinen Fall." Understatement statt Übergewicht – so präsentiert sich Deutschlands bester Radfahrer im Jahr 2003. Der Olympiasieger will nur noch Druck in den Beinen spüren, nicht mehr im Kopf. „Ich mache das jetzt alles aus Spaß am Radfahren und aus Freude, dass es vorangeht." Auch wenn er mal nicht Sieger ist.

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