Sport : Unerlaubter Kopfeinsatz

Der Boxer Markus Beyer wird zum Sieger erklärt, weil sein Herausforderer Danny Green absichtlich foult

Michael Rosentritt

Bill Clancy hing zwischen den Seilen des Boxrings und diskutierte mit den Delegierten des World Boxing Councils in Reihe eins. Es war gegen Mitternacht in einem grell ausgeleuchteten und mit 3800 Zuschauern besetzten Festzelt in der Boxengasse auf dem Nürburgring. Clancy, der amerikanische Ringrichter, ragte bedrohlich aus dem Geviert und schwitzte. In der einen Ecke stand Markus Beyer, der Titelverteidiger im Supermittelgewicht des WBC, mit blutüberströmtem Gesicht. Ihm wurden gerade die Boxhandschuhe ausgezogen, wie auch seinem Gegenüber, dem Herausforderer und Bösewicht in dieser Nacht, Danny Green aus Australien. Fünf Runden waren gerade mal geboxt, da hatte der Spuk ein Ende.

Auslöser war ein absichtlicher Kopfstoß des Australiers in der fünften Runde, der eine in der zweiten Runde erlittene Platzwunde (Cut) an Beyers rechter Augenbraue noch einmal deutlich verschlimmerte. Ringrichter Clancy signalisierte zunächst einen Abzug von zwei Punkten für den Australier und ließ den Ringarzt Walter Wagner die Wunde begutachten. Beyer sagte dem Arzt im Ring, was er nach dem Kampf wiederholte: „Ich habe auf dem rechten Auge nichts mehr gesehen, das war dicht.“ Der Ringarzt empfahl dem Ringrichter, den Kampf abzubrechen. So weit war alles korrekt. Nur, warum plädierte der Ringrichter anschließend dafür, die Punktzettel bis einschließlich der fünften Runde auszuzählen? Die Regeln (siehe Kasten) in einem solchen Fall sind eindeutig. Die Delegierten unten am Ring wälzten hektisch im eigenen Regelwerk – und wurden fündig. Laut Paragraf 32 muss der Boxer, der nach einem absichtlichen Foul seines Gegners nicht mehr weiterboxen kann, zum Disqualifikationssieger erklärt werden. Nach minutenlangen Beratungen wurde der Australier disqualifiziert und Beyer zum Sieger erklärt. Damit bleibt Beyer Weltmeister.

„Durch so ein Urteil sollte eigentlich kein Kampf entschieden werden. Aber ich konnte wirklich nicht mehr weiterboxen“, sagte der 32-jährige Beyer und entschuldigte sich bei den aufgewühlten Fans. Der zwei Jahre jüngere Green hatte Beyer je einmal in der ersten und zweiten Runde auf die Bretter geschickt und lag zum Zeitpunkt des Abbruchs nach Punkten vorn. Erst in der vierten Runde hatte Beyer seine boxerische Linie gefunden. „Ich habe ihn dann am Körper gut getroffen. Er sah seine Felle davonschwimmen. Dann muss er einfach die Nerven verloren haben“, sagte Beyer hinterher. Sein Trainer Ulli Wegner sah es ähnlich. „Markus hat sich in der vierten Runde gefunden, Green kam nicht mehr zurecht. In der siebten oder achten Runde wäre er k. o. gegangen, aber leider können wir es nicht mehr beweisen“, sagte der 60-Jährige.

„Danny Green benutzte seinen Kopf regelrecht als Waffe, sodass durch seinen Kopfstoß der Cut bei Markus Beyer entstand. Weil Beyer deshalb nach Ansicht des Ringarztes den Kampf nicht weiterführen konnte, musste ich Green disqualifizieren“, sagte Ringrichter Clancy in der anschließenden Pressekonferenz.

Green dagegen fühlte sich betrogen. „Mein Kopfstoß war eine Dummheit. Aber ich habe Beyer vier Runden lang vorgeführt und demoralisiert. Wenn er ein wahrer Champion ist, wird er sich in einem Rückkampf stellen“, sagte der Australier. Beyers Manager Wilfried Sauerland hätte nichts dagegen, fordert aber von Greens Trainer und Manager Jeff Fenech: „Erst wenn du deinem Boxer beigebracht hast, fair zu boxen.“ Eine Revanche wird so schnell nicht kommen. Beyers nächster Gegner wird der Kanadier Eric Lucas sein. Dem hatte Beyer im April den Titel abgeknöpft. Mittlerweile ist Lucas wieder die Nummer eins der WBC-Weltrangliste und somit Beyers Pflichtherausforderer.

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