Sport : Unerlaubter Weitschuss (II): Zurück im Land des Lächelns

Benedikt Voigt

Kennen Sie noch den unerlaubten Weitschuss? Das Wortungetüm, mit dem die Fernsehreporter uns früher die Wintersportart Eishockey näher bringen wollten? Der Schiedsrichter pfiff dann ab, wir aber fangen da erst richtig an. Mit Geschichten, die schon mal über das olympische Ziel hinausschießen.

Susan hat bei den Olympischen Spielen eine besondere Aufgabe erhalten. Sie steht an der Ausgangstür der Sicherheitsschleuse vor dem Media Center, begrüßt jeden mit dem obligatorischen Guten-Morgen-wie-geht-es-Ihnen, und kommt dann zur Sache. "Passen Sie auf, wo Sie hintreten", sagt Susan und lächelt. Auf diese Weise warnt sie jeden Besucher vor einer Schwelle, die eineinhalb Zentimeter hoch ist und höchstens für eine zu klein geratene Ameise ein Hindernis darstellt. Der Job als olympische Schwellenhilfskraft ist offensichtlich ein sehr einfacher, ja man muss fast sagen, ein überflüssiger. Doch Susan erledigt ihre Aufgabe, als gelte es den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vor einem Fehltritt zu bewahren. Mit Würde und Stolz. "Good morning Sir, how are You, mind Your step."

So sind sie, die freiwilligen Hilfskräfte in Salt Lake City. Immer hilfsbereit, immer freundlich, immer fröhlich. Das mag daran liegen, dass die meisten von ihnen Mormonen sind, im Bundesstaat Utah gehören immerhin 70 Prozent der Bevölkerung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an.

Bisweilen aber besitzen diese Mormonen eine Freundlichkeit, die süß und klebrig ist wie ein Schokoladenpudding. Man kann schnell zuviel davon kriegen. Am schlimmsten ist es, wenn man einem Mormonen-Volunteer eine Frage stellt, die dieser nicht beantworten kann. Jeder Berliner würde sagen: "Keene Ahnung, weeß ick nich." Und die Sache hätte sich damit erledigt. Der Mormone aber bricht in eine eigentümliche Geschäftigkeit aus, schleppt den Fragesteller von einer Auskunftstelle zur nächsten, bis dieser zu erkennen gibt, dass ihm nun wirklich genug geholfen wurde. Nie hatte man geglaubt, dass Hilfsbereitschaft so aufdringlich sein kann.

In der Regel aber empfindet man die ständige Freundlichkeit als angenehm. Der Busfahrer lächelt, die Bedienung lächelt, sogar der Soldat von der National Guard lächelt nach dem Security Check. Die Helferin, die um 2.40 Uhr nachts einen Bus über einen Fußgängerstreifen winkt, den der letzte Passant wahrscheinlich vor eineinhalb Stunden überquert hat, winkt in der eiskalten Nacht begeistert mit ihren Leuchtstäben - und lächelt. Es scheint, als seien die Olympischen Spiele vier Jahre nach Nagano wieder im Land des Lächelns angekommen.

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