Sport : Unerlaubter Weitschuss (XI): Höher, höher, höher

Benedikt Voigt

Beim unerlaubten Weitschuss pfeift der Eishockey-Schiedsrichter ab. Wir aber fangen erst richtig an. Mit Geschichten, die schon mal über das olympische Ziel hinausschießen.

Mit allen seinen Kindern ist der Olympische Geist vor eineinhalb Wochen in Salt Lake City eingefallen. Der Frieden hält sich seitdem an allen Wettkampfstätten auf, sieht man mal von gelegentlichen Fehlzeiten beim Eishockey ab. Die Völkerverständigung ist seit Anfang Februar im Olympischen Dorf anzutreffen, und auch die Gerechtigkeit hatte schon ihren großen Auftritt. Am Sonntagabend bekam sie im Salt Lake Ice Center heftigen Applaus, als das kanadische Eiskunstlaufpaar Jamie Sale und David Pelletier seine Goldmedaillen nachträglich verliehen bekam. Das jüngste Kind des Olympischen Geistes aber treibt sich überall in der ganzen Stadt herum: der Kommerz.

Umgerechnet zwei Mark und 85 Pfennige muss man für einen Apfel im Pressezentrum hinlegen, das Hotelzimmer stieg für die 17 Tage der Olympischen Spiele von 286 Mark auf 456 pro Nacht, und der Kaffee Mokka im Main Media Center kommt auf 9 Mark und 12 Pfennige. Ausnahmsweise kann man in diesen Fällen nicht einmal dem Euro die Schuld geben. Nein, Salt Lake Citys Geschäftsinhaber haben die olympische Lektion gelernt, die ihnen 1996 in Atlanta gezeigt und nun täglich auf der Medals Plaza vor Augen geführt wird. Dort präsentieren sich die olympischen Sponsoren in überdimensionalen Vergnügungsstätten, als seien ihre Marken untrennbar mit den Olympischen Ringen verbunden. Hinzu kommen einheimische Traditionen, an die sich der Europäer erst gewöhnen muss. Wer sich über eine krumme Summe wie ein Dollar und acht Cents wundert, den klärt die Kassiererin auf: "Das nennt man Steuern" Und gelegentlich gehen zwölf Prozent des Endbetrages für den unerwarteten Rechnungspunkt "Service" drauf. Insgesamt lässt sich feststellen, dass seit dem 8. Februar an den Kassen der Stadt der Olympische Dreikampf tobt: altius, altius, altius.

Nur die Männer und Frauen in der Eingangshalle des Main Media Centers scheinen davon nichts mitbekommen zu haben. Vielleicht liegt das daran, dass einer Massage immer noch etwas Esoterisches, Langsames, Kontemplatives anhaftet. Die Zeichen der Zeit jedenfalls sind an diesen Menschen vorübergegangen. Sie massieren ohne Bezahlung. Oder ist am Ende auch noch ein Stiefkind des Olympischen Geistes in Salt Lake City zugegen? Die Selbstlosigkeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben