Sport : Unerlaubter Weitschuss

Benedikt Voigt

Kennen Sie noch den unerlaubten Weitschuss? Das Wortungetüm, mit dem die Fernsehreporter uns früher die Wintersportart Eishockey näher bringen wollten? Der Schiedsrichter pfiff dann ab, wir aber fangen da erst richtig an. Mit Geschichten, die schon mal über das olympische Ziel hinausschießen.

Plötzlich hielten wir eine gelbe Mappe in der Hand, und eine asiatisch aussehende Dame redete von China und Verfolgung und Öffentlichkeit. Soweit wir verstanden hatten, war sie von Falun Gong und wollte auf das Schicksal ihrer Sekte in China aufmerksam machen. Wir haben uns nicht weiter mit der gelben Mappe beschäftigt, man muss ja schnell zur nächsten Pressekonferenz. Überhaupt fragt man sich schon am nächsten Papierkorb, warum man jetzt auch noch eine gelbe Falun-Gong-Mappe schleppt, wo doch unsere Kraft schon durch Laptop, schwedische bis chinesische Media Guides und den letzen drei Ausgaben der "Salt Lake Tribune", "New York Times" und "USA Today" beansprucht wird. Am nächsten Tag wussten wir es. Da stand die Dame schon wieder da und winkte mit der gelben Mappe. Haben wir schon, sagten wir - und konnten passieren. Ohne Zeitverlust. Die Segnungen einer gelben Mappe offenbaren sich anscheinend immer etwas später.

Salt Lake City 2002 Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Durch diese Erfahrung geschult sagten wir auch nicht Nein, als die Dame von den Southern Baptist Churches of Utah and Idaho auf der Main Street in Salt Lake City ihr Tütchen namens "More than Gold" offerierte. "Ist umsonst", sagte sie und sprang schon zum nächsten Passanten. Eine Untersuchung im nächsten Café ergab folgenden Inhalt: eine Packung Taschentücher, fünf Heftpflaster, eine Hautcreme mit den Inhaltsstoffen Jojoba, Avocado, Aloe Vera und Vitamin E sowie eine Werbekarte für die More-than-Gold-Anstecknadel. Wofür wir das nun wieder brauchen, fragten wir uns. Da kippte schon der Kaffee. Blitzschnell breitete sich die braune Brühe aus. Über Tisch, Zeitungen und die neue, hellbeige Skihose, die doch eigens für die kalten Temperaturen bei der Eröffnungsfeier gekauft worden war. Nun war sie hellbeige mit braunen Einsprengseln. Gut, dass die More-than-Gold-Taschentücher immer noch auf dem Tisch lagen und die schlimmsten Flecken in ein paar Sekunden weggewischt waren. Man kann getrost behaupten, dass die Southern Baptist Church die Eröffnungsfeier rettete.

Wir jedenfalls werden in Zukunft alles annehmen und nichts wegschmeißen. Es scheint, als finde sich für alles eine Verwendung. Allerdings fürchten wir uns nun ein wenig vor einem Unfall. Beim Rasieren oder einem Ausrutscher unter der Dusche. Wann sollen sonst die Heftpflaster zum Einsatz kommen?

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