Sport : Unerwünschte Wirklichkeit

Was im Football schon ist, soll im Fußball noch werden: Die Bundesliga will Fernsehbilder selbst produzieren

Benedikt Voigt

Berlin. Was Amerika nicht sehen durfte, rannte zu Beginn der zweiten Halbzeit des Super Bowl nackt über das Spielfeld. Mark Roberts, ein bekannter Flitzer aus England, hatte sich als Schiedsrichter verkleidet auf das Spielfeld geschlichen und dort alle Kleider abgeworfen – von einer Baseballmütze, Kniestrümpfen und einem Tangaslip abgesehen. Es dauerte eine Weile, bis die Footballprofis der New England Patriots und Carolina Panthers den nackten Mann eingefangen hatten. Sicherheitskräfte trugen ihn schließlich vom Feld. Wer in Houston im Reliant Stadion saß, amüsierte sich prächtig über das ungeplante Schauspiel. Wer vor dem Fernseher saß und die Live-Übertragung des nationalen Senders CBS verfolgte, sah – nichts davon.

Womöglich werden in Zukunft auch die Fußballfans in Deutschland nicht mehr jedes Detail aus der Bundesliga zu sehen bekommen. Wie die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in der vergangenen Woche bekannt gab, will sie das Fernsehsignal in Zukunft selber produzieren und den Fernsehanstalten als Grundsignal zur Verfügung stellen. „So sind wir näher dran am eigenen Produkt und können das Branding stärker überwachen“, sagte der DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub. Der Liga schwebt vor, eine eigene Gesellschaft zu gründen oder den Auftrag an eine Produktionsfirma zu vergeben. Doch diese Pläne stoßen nicht überall auf Gegenliebe. „Das wäre keinesfalls zum Guten des Sports“, sagt Thomas Schierl, Leiter des Instituts für Sportpublizistik in Köln. „Es würde den Kommerzialisierungsgrad des Fußballs erhöhen und die Grenze immer mehr in Richtung Fiktion, PR und Werbung verschieben.“

So hätte die Liga in Zukunft die Möglichkeit, jene Bilder nicht herauszugeben, die einem positiven Image abträglich sind. Ein Flitzer würde wohl nicht darunter fallen, in diesem Punkt unterscheidet sich die deutsche Kultur von der amerikanischen. Aber andere nicht übertragene Vorkommnisse wären denkbar: randalierende Fans, leere Stadien, fragwürdige Entscheidungen des Schiedsrichters. „Die Verantwortlichen der Liga müssen sich abstimmen, was sie zeigen wollen und was nicht“, sagt Schierl. Allerdings schränkt der Sportpublizist ein, dass nicht alle Pläne gegenüber den deutschen Fernsehanstalten durchsetzbar seien. „Das wird ein Aushandlungsprozess.“

Die Macht über die Bilder ist wichtig. „Das Bild hat nach wie vor etwas von Wahrhaftigkeit“, sagt Schierl, „ich kann sagen, dass ich etwas mit eigenen Augen gesehen habe.“ So lässt sich das Image in einem hohen Maße darüber steuern, was im Fernsehen zu sehen ist. „Image heißt ja auch Bild“, sagt Schierl.

Der Vorreiter in Sachen eigene Sportproduktion existiert seit 1965 in den USA. Dort dreht die National Football League mit ihrer Gesellschaft „NFL Films“ spektakuläre Spielberichte, die mit manchem Hollywood-Drama mithalten können. „Wir wollten das Spiel so zeigen, wie in Hollywood Fiktion gemacht wird“, sagt Steve Sabol, der Gründer von „NFL Films“. Eine positive Berichterstattung über den eigenen Sport ist dabei selbstverständlich. „Wir begraben den Football nicht, das machen andere“, sagt Steve Sabol gegenüber „CBSNews.com“, „dafür gibt es Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen.“ Eine ähnliche Rollenverteilung hat sich in Deutschland herausgebildet, seit Fernsehsender für Sportrechte teures Geld bezahlen müssen. „Im Fernsehen wandelt sich der Sport als Non-Fiktionale-Unterhaltung in Richtung fiktionaler Unterhaltung“, sagt Schierl. „Es bleibt zu hoffen, dass es weiterhin eine kritische Presse gibt.“

Bei der DFL kann man die Bedenken gegen Eigenproduktionen und einen eigenen TV-Kanal nicht verstehen. „Es wird keine Art von Zensur geben“, sagt DFL-Präsident Werner Hackmann, „wir schließen jegliche Eingriffe in die journalistische Freiheit aus.“ Und auch der ausscheidende DFL-Geschäftsführer Michael Pfad wehrt sich. „Die Bundesliga ist, wie sie ist, da kann man nichts verändern.“ Pfad möchte gemeinsam mit dem ehemaligen Torwart des FC Bayern München, Manfred Müller, eine Fernseh-Produktionsgesellschaft gründen, an der die DFL zu 75 Prozent beteiligt sein soll. Im Sommer, wenn die Bundesliga-Rechte frei werden, könnte er den Zuschlag bekommen. „Wir werden nur das transportieren, was die Mannschaften liefern“, sagt Pfad, „ein Livespiel kann man nicht zensieren.“

Doch der Super Bowl lieferte den Gegenbeweis. Während sich Mark Roberts auf dem Rasen auszog, blendete der Fernsehsender CBS zwar weiterhin das Stadion ein – allerdings aus der Vogelperspektive.

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