Sport : Unfall mit Struktur

Bochum nimmt den fünften Abstieg routiniert zur Kenntnis – und plant einen Neuanfang

Richard Leipold[Bochum]

Lange, vielleicht zu lange haben die Verantwortlichen des VfL Bochum im Abstiegskampf auf die vielzitierte rechnerische Chance gehofft. Die Hoffnung trog. Nach dem 1:2 in Nürnberg wird der Verein zum fünften Mal aus der ersten Fußball-Bundesliga absteigen. Aber wie geht es weiter? Wie immer. Bochum will sofort wieder aufsteigen. Bisher hat der VfL jeden dieser Betriebsunfälle innerhalb eines Jahres reparieren können.

Trainer Peter Neururer wird gehen. In Absprache mit dem Klub hatte er sein berufliches Schicksal in der vergangenen Woche an den Klassenverbleib geknüpft, um dem VfL bei einem Neuaufbau „nicht im Wege zu stehen“. Wer den Neuaufbau als Trainer gestalten soll, ist unklar. „Wir werden im Team eine Lösung finden“, sagt Vorstandsmitglied Dieter Meinhold. Teamarbeit war in Bochum nicht immer der Königsweg, wenn es um derart wichtige Personalfragen ging. Meistens hat Werner Altegoer eine Entscheidung vorgegeben, ob als Vereinspräsident oder als Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Auch bei dem jüngsten Arrangement mit Neururer trat er als starker Mann auf, vermutlich um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Kritiker lenken die Aufmerksamkeit auf Dieter Meinhold, den Manager, der dem Vorstand angehört. Als Spezialist für Marketing hat Meinhold dem Verein ein modernes, buntes Antlitz verpasst. Als Leiter der Lizenzspielerabteilung blieb er jedoch blass, vermutlich auch, weil Neururer und sein Patron Altegoer diesen Teil des Geschäfts lange untereinander geregelt haben. In die Entscheidung über die Trennung vom Trainer war er nicht eingebunden.

Nun aber geht es für den VfL darum, den Weg in die Zukunft zu ebnen. Inzwischen wird die Frage nach einem sportlichen Manager gestellt. Diese Stelle gab es bislang nicht, um Geld zu sparen. Zudem müsste der Aufsichtsratsvorsitzende Altegoer einen Teil seines Einflusses auf die Personalpolitik abgeben. Namen werden ebenso wenig genannt wie bei der offenen Stelle des Cheftrainers. Meinhold verrät nur soviel: Nach dem Abstieg soll es beim VfL einen strukturellen Neubeginn geben. Im Aufsichtsrat gibt es offenbar das Bestreben, sportliche Entscheidungen mehr als bisher in die Hände des Vorstands zu legen. Bewerbungen um den Trainerposten sind schon reichlich auf der Geschäftsstelle eingegangen, ob per Fax oder per SMS.

Doch der VfL ist inzwischen so selbstbewusst, dass er eigene Anforderungen stellt, anstatt den bekanntesten Bewerber auszuwählen. Meinhold fahndet nach einem Mann, der für Innovation steht und die sportliche Abteilung modernen (Marketing-)Erfordernissen anpasst. Auch die Mannschaft wird ein anderes Gesicht bekommen. Der tschechische Nationalspieler Vratislav Lokvenc kann den Klub ablösefrei verlassen – Hertha BSC wirbt angeblich um den Stürmer. Vermutlich wird der VfL sich auch von anderen Spielern, vor allem von relativ leicht vermittelbaren Spitzenverdienern wie Madsen oder Knavs trennen. Auch der dänische Torwart Peter Skov-Jensen, bei der 1:2-Niederlage in Nürnberg erstmals eingesetzt, will den Klub verlassen. Er wäre geblieben, wenn er wüsste, dass er spiele, sagt er. Er möchte diese Atmosphäre noch öfter erleben, wo ihm diese Freude zuteil werden könne, wisse er noch nicht. „Konkret habe ich noch nichts.“ Das verbindet ihn mit seinem aktuellen Arbeitgeber.

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