Sport : Ungefähr auf Platz 45

DIETMAR WENCK

BERLIN .Es ist kein gutes Jahr für Mary Joe Fernandez.Dritte Runde in Sydney, dritte Runde der Australian Open - das sind schon die Glanzlichter für die Berlin-Siegerin von 1997.Ansonsten war spätestens in Spiel zwei Endstation für die ehemalige Nummer vier der Welt.Auch auf der Rot-Weiß-Anlage hat sie heute mit der Russin Anna Kurnikowa kein leichtes Los.Aber die US-Amerikanerin lächelt freundlich auf die Frage, ob ihr das noch Spaß mache, sich im 14.Profijahr von der jungen Konkurrenz abservieren zu lassen."Die Tour ist viel stärker geworden, aber es macht mir immer viel Freude, mich in Turnieren zu messen.So lange ich gesund bin, mache ich weiter.Ich höre erst auf, wenn ich eines Morgens aufwache und merke, jetzt reicht es." Hat sie nicht einmal gesagt, sie wolle nicht noch mit Mitte 25 Bällen hinterherlaufen? Die Erinnerung findet Mary Joe Fernandez lustig: "Wenn du 16 bist, denkst du, du bist alt mit 21.Aber dann wirst du 21, und du denkst, mit 25 bist du alt.So geht das immer weiter."

Jetzt wird sie bald 28 und gehört noch immer zu den im Spitzensport sehr seltenen Persönlichkeiten, die man sich nicht zornig, wütend, lamentierend vorstellen kann.Kein Frust, keine Triumphgebärden.Gäbe es einen Preis für Freundlichkeit und Sportlichkeit im Frauentennis zu gewinnen, niemand könnte ihn ihr streitig machen.Kritische Experten meinen, das sei ein Grund, warum sie es nicht auf mehr als sieben Turniersiege im Einzel gebracht hat.Andere Fachleute vermuten, daß sie genau deshalb so viele Doppelkonkurrenzen gewonnen hat (19), weil sie mit jeder Partnerin menschlich harmoniert.Zweimal wurde Mary Joe mit Gigi Fernandez Olympiasiegerin - die beiden sind nicht miteinander verwandt.Im Moment steht sie "ungefähr auf Rang 45" im Computer, Ziel ist die Rückkehr in die Top 20: "Wenn es gelingt, bin ich glücklich."

Das erscheint als kleines Glück bei der Liste ihrer Erfolge, aber eine Verletzung an der rechten, der Schlaghand, mit notwendiger Operation hat neue Verhältnisse geschaffen.1998 hat sie ihren Titel in Berlin gar nicht verteidigen können, ist fast aus den Top 100 herausgerutscht."Es hatte keinen Sinn zu spielen", sagt sie.Erst im Januar kehrte sie nach mehreren mißglückten Anläufen zurück in die Tour, nun freut sie sich über die kleinen Schritte nach vorn.So oder so hat sich die junge Frau entschieden, dem Tennis auch nach der aktiven Karriere treuzubleiben.Für den Sportsender ESPN hat sie sich als Kommentatorin versucht, das hat ihr gefallen.Außerdem arbeitet Mary Joe Fernandez gern mit Kindern zusammen, und man kann sich vorstellen, daß die noch lieber mit ihr zusammenarbeiten."Irgendsowas will ich später tun", sagt sie.

Aber das waren Gedanken in der Zeit, als sie kaum mit ihrem Coach Bobby Banck trainieren konnte.Oft hat sie jetzt gemeinsame Übungsstunden mit Jennifer Capriati, einer anderen, die den Anschluß zu finden versucht."Sie ist ein gutes Mädchen", urteilt Mary Joe Fernandez über ihre vom Star zur Randerscheinung abgestürzte Kollegin.Noch Fragen? Mary Joe lächelt, sie freut sich auf das Turnier, ihren neunten Berlin-Start.Sie kann spielen, ohne Schmerzen, es geht ihr prima.Ein gutes Jahr für Mary Joe Fernandez.

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