Sport : Ungelenker Umstieg

Ullrich fährt keine Rennen mehr und berät ein zweitklassiges Team – im Radsport sehen das viele skeptisch

Hartmut Scherzer[Hamburg],Frank Bachner

Kurz bevor er vom Podium stieg, erklärte Jan Ullrich, dass er sich in Zukunft auch darum kümmern werde, dass Fahrradreifen nicht mehr so schnell platzen. Wie genau er das machen wird, verriet er nicht. Er wird wohl einige technische Kenntnisse beisteuern, aber auf jeden Fall kann eine Firma für Reifendichtungsmittel mit dem Ratschlag des Tour-de-France-Stars Jan Ullrich, Sieger 1997 und fünfmal Zweiter, rechnen. Es war der gefühlte Tiefpunkt eines seltsamen Auftritts. Jan Ullrich erklärte seinen sportlichen Rücktritt, er wird Berater des Teams Volksbank, einer eher zweitklassigen Radmannschaft in Österreich (siehe Kasten). Ein Radrennfahrer ist er nicht mehr.

Es hätte ein würdiger Abschied vom Profi-Radsport werden können in einem noblen Hamburger Hotel, vor Journalisten aus der ganzen Welt. Aber jetzt, nach diesen fast planlosen Ausführungen, geht es eigentlich nur noch um einen Punkt. Was bleibt vom einst strahlenden Helden Ullrich? Was bleibt für ein Bild von dem Menschen und Sportler? Mitleid bleibt. Und Unverständnis. Bruchstücke eines Denkmals. Für einige jedenfalls, die Ullrich jetzt aus der Distanz beobachten. Sylvia Schenk, die frühere Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, jetzt bei „Transparency International“ engagiert, sagt bloß: „Am Anfang dachte ich, es ist nur peinlich, am Ende war es nur noch traurig. Es ist ein Abstieg, der da deutlich wird.“ Burckhard Bremer, der Leistungssportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), klingt zeitweise fast hilflos. „Das war nicht das erwartete Niveau für eine solche Ankündigung“, sagte Bremer dem Tagesspiegel. „Jan Ullrich hat schon viel bewirkt für den deutschen Radsport, auch wenn sich nicht genau sagen lässt, wo der jetzt ohne ihn stünde.“

Acht Monate hatte Ullrich geschwiegen, jetzt entlud sich seine ganze Wut in 43 Minuten. Er beschimpfte Rudolf Scharping, den Präsidenten des BDR, er versuchte, Werner Franke, den Dopingexperten, lächerlich zu machen. Mit Franke streitet er vor Gericht, weil der sich öffentlich auf Akten der spanischen Polizei berufen hat, die Ullrich belasten. In einem noch laufenden Rechtsstreit gegen Franke wegen fraglicher Zitate aus den Akten war Ullrich zunächst erfolgreich.

Am Montag brachte Ullrich die bekannten Argumente: Er habe nicht betrogen, er sei nicht verurteilt. „Ich könnte jederzeit eine Lizenz in der Schweiz haben“, sagte Ullrich. Dort liegt sein Hauptwohnsitz. Angebote von sieben Mannschaften, darunter ProTour-Teams, lägen ihm vor. „Ich war frei zu entscheiden. Doch die innere Stimme sagte: Es ist so weit.“

Was Ullrichs Rücktritt für den deutschen Radsport bedeutet, ist allerdings nicht klar zu definieren. Ullrich hat für viele Fans immer noch einen Helden-Status. In einer Umfrage des „Tour-Magazin“ sagen 85 Prozent: „Ich halte Jan Ullrich für unschuldig“. Und ein Szenekenner erzählt: „Viele wollten, dass er wieder fährt, weil die anderen ja auch wieder starten.“ Von den mehr als 50 Fahrern, die im Zuge der spanischen Dopingaffäre um den Sportarzt Eufemiano Fuentes suspendiert wurden, fahren die meisten wieder Rennen, andere haben aufgehört. Gesperrt wurde niemand. Es ist aber auch niemand freigesprochen worden. Die spanische Justiz hat die Akten nicht freigegeben, deshalb ruhen die Sportverfahren.

Aber das Fernsehen ist sensibler geworden, die ARD hat sich überlegt, ob es die Deutschland-Tour noch übertragen soll. „Deshalb hatten wir Probleme, neue Sponsoren zu aquirieren“, sagt BDR-Leistungssportchef Bremer. Er kennt Veranstalter, „die wegen Ullrich keine Sponsoren bekommen“. Gestern am späten Abend trat Jan Ullrich dann in der ARD-Talksendung „Beckmann“ auf. Und sprach sich dort nachdrücklich gegen Doping aus. Ob Ullrich Doping als Vergehen beurteile, wurde der ehemalige Radprofi von Moderator Reinhold Beckmann gefragt. „Natürlich“, antwortete Ullrich. Und fuhr fort: „Meine ganz ehrliche Meinung ist, dass Radsport nicht mehr und nicht weniger verseucht ist als alle anderen Sportarten und andere Bereiche. Die schwarzen Schafe werden gefunden.“ Es gebe Kontrollen und Grenzwerte und, so Ullrich, „wer darüber ist, wird beurlaubt. Es sei „ein System, das funktioniert“.

Ullrich hatte mittags in seiner Pressekonferenz Werner Franke vorgeworfen, der habe aus Akten der spanischen Polizei zitiert, obwohl Franke kein Spanier sei. „Ich war mit einem spanischen Kollegen in Spanien, außerdem gibt es eine deutsche Übersetzung der Akten“, erwidert Franke. Er wirft Ullrich mit Verweis auf die Polizei-Akten vor, dass der Profi zum Fuentes-Netzwerk gehörte. Ullrich bestreitet das energisch. Dann modifiziert Werner Franke Ullrichs Aussage zum Doping. „Für mich“, sagt er, „ist mehr denn je klar, dass der Radsport verseucht ist“.

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