Sport : Ungeliebter Traumjob

Jupp Derwall verteidigt den Bundestrainer-Posten

Benedikt Voigt

Berlin - Die schlechte Nachricht zuerst. Jupp Derwall will den Job auch nicht machen, obwohl er den Anforderungen genügen würde: Der ehemalige Bundestrainer spricht Deutsch, hat Erfahrung und kann sogar Erfolge vorweisen. 1980 holte er mit der deutschen Nationalmannschaft den Europameistertitel, 1982 verlor er erst im Endspiel der Weltmeisterschaft in Spanien. Das alles ist schon eine Weile her, trotzdem nimmt er die Frage durchaus ernst. „Wissen Sie, wie alt ich bin?“, fragt Jupp Derwall und gibt die Antwort gleich selbst. „77 Jahre – mir würde doch kein Spieler mehr folgen.“

Es ist schwierig geworden, einen Fußball-Bundestrainer zu finden. Zwei Kandidaten haben bereits abgesagt, und die Trainerfindungskommission des Deutschen Fußball-Bundes müht sich gegenwärtig vergeblich, einen Trainer zu präsentieren. Inzwischen plädiert Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge dafür, dem Bundestrainer einen Teammanager zur Seite zu stellen. Oliver Bierhoff sei der ideale Mann dafür, sagte Rummenigge dem „Kicker“. Ist der Posten als Bundestrainer so unattraktiv, dass er nicht mehr alleine zu bewältigen ist?

„Bundestrainer ist ein Traumjob für einen Fußballtrainer“, glaubt Jupp Derwall, „auch jetzt noch.“ Allerdings sei momentan die Aufgabe für den noch zu findenden Mann sehr schwer. „In zwei Jahren eine neue Mannschaft aufzubauen, erscheint nach dieser Europameisterschaft fast unmöglich“, sagt Derwall. Bei ihm musste keine Kommission eingesetzt werden, um ihn zu finden. Er war schon da. Von 1970 bis 1978 saß er als Kotrainer neben dem Bundestrainer Helmut Schön auf der Trainerbank. Als ein neuer Bundestrainer gesucht wurde, musste man nicht weit blicken. „Mich haben Helmut Schön und Verbandspräsident Hermann Neuberger gefragt, ob ich es werden will“, sagt Derwall, „das war einfach der logische Schritt.“ Bei seinem Nachfolger hörte der Verband erstmals damit auf, den Kotrainer zu befördern. Statt Derwalls Assistent Erich Ribbeck wurde 1984 Franz Beckenbauer Teamchef, obwohl dieser bis dahin noch nie eine Mannschaft trainiert hatte.

Eine weitere Tendenz hat Jupp Derwall ausgemacht. „Wenn die Presse den Bundestrainer totschreibt, hat er keine Chance, bei mir war das genau das Gleiche.“ Derwall musste sich 1984 nach einer erfolglosen Europameisterschaft verabschieden, sein Team hatte die Vorrunde nicht überstanden. Bei Berti Vogts und Erich Ribbeck sei das ähnlich gewesen. „Da ist dann so eine Stimmung im Volk – dabei versuchen wir nur, unsere beste Arbeit abzuliefern.“

Eine Arbeit, die unangenehme Seiten hatte. Nur zehn Tage im Monat sei er zu Hause gewesen. „Das muss eine Familie schon mitmachen.“ Doch es gibt auch Positives: der Ruhm, die Anerkennung, die Arbeit mit jungen Spielern. „Das Schönste ist, wenn man gewinnt“, erinnert sich der ehemalige Bundestrainer. Das aber ist genau das Problem bei der aktuellen Suche: Es sieht einfach nicht danach aus, als könne ein Trainer in naher Zukunft mit einer deutschen Nationalmannschaft große Erfolge feiern.

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