• Ungewohnt locker und mit Respekt vor der Konkurrenz tritt Jan Ullrich bei der WM in Italien an

Sport : Ungewohnt locker und mit Respekt vor der Konkurrenz tritt Jan Ullrich bei der WM in Italien an

Hartmut Scherzer

Geradezu lässig schlendert Jan Ullrich in den Saal, grüßt beim Hereinspazieren die Runde mit einem fröhlichen "guten Abend". Das Gesicht mit den Sommersprossen sieht erholt aus, wirkt entspannt und dennoch asketisch. Als habe er sich vorgenommen, etwas gegen das Vorurteil vom spröden Typ zu tun, plaudert der wiedergeborene deutsche Radstar ungewohnt redselig über seine Ambitionen bei den Weltmeisterschaften in Treviso und Verona. "Die Weltmeisterschaft ist nicht mehr das absolute Highlight", verkündet er vor den Medien im Hotel Spresiano und erntet für den Nachsatz Heiterkeit. "Die nimmt man noch so mit, und wenn etwas dabei herausspringt - umso besser."

Der Tour-Sieger von 1997 hat sich nach einem tristen Sommer mit Tour-Verzicht und einem goldenen Herbst mit Vuelta-Sieg angewöhnt, Stress zu verdrängen und durch Lockerheit zu ersetzen. Damit lebt es sich leichter und fährt es sich offenbar auch schneller. Der Topstar schlüpft jetzt gerne in die Rolle des Tiefstaplers und fühlt sich wohl darin. Nicht dass er "halbherzig" an den Start gehe. Dann wäre er nicht hier. "Aber ich muss hier nicht gewinnen. Ich habe den Sieg in der Vuelta im Rücken und nichts mehr zu verlieren."

Natürlich weiß Jan Ullrich, dass er zum "engsten Kreis der Favoriten" für das heutige Zeitfahren über 50,6 km in Treviso zählt. Aber der so imponierende Zeitfahrsieger zum Finale der Vuelta trägt genügend Argumente gegen seine Favoritenrolle vor. "Es ist ein Unterschied, ob man nach 3300 Kilometern in einer Rundfahrt zum Zeitfahren startet oder aus dem Ausruhezustand kommt. Das ist etwas völlig anderes. Das darf man nicht unterschätzen."

Zum ersten Mal seit fünf Jahren, seit seinem dritten Platz noch als Amateur unter den Profis 1994 auf Sizilien, tritt Ullrich "aus dem Kalten", wie er sich ausrückt, zum Kampf gegen die Uhr an. Und gegen die Konkurrenz eines Sergei Gontschar und Chris Boardman. Das sind "absolute Spezialisten", die aus der Kälte kommen. Der Ukrainer, WM-Zweiter 1997 und WM-Dritter 1998, und der Brite, Weltmeister 1994, WM-Zweiter 1996 und WM-Dritter 1997, sind zuletzt viele "Cronos" gefahren und haben gewonnen, Gontschar den Grand Prix des Nations vor Boardman. Und dann müsse man abwarten, wie sich Alex Zülle, der Schweizer Weltmeister von 1996, von der Vuelta erholt habe. Titelverteidiger Abraham Olano fehlt nach seinem Rippenbruch bei der Vuelta. Und natürlich auch Tour-Sieger Lance Armstrong, der in Frankreich alle "Chronometer" beherrschte.

Ullrich, Gontschar, Boardman, Zülle - in dieser Reihefolge zählt auch Jens Voigt, der zweite Deutsche, die Favoriten auf. "Ich hoffe, dass ich mich da irgendwie einreihen kann, von Rang drei und sechs", sagt der kesse Mecklenburger mit der Intellektuellen-Brille. Bei der Tour platzierte sich Voigt zweimal unter den ersten zehn und bestritt danach mit seinem Team-Kameraden Boardman, dem ausgebufften Tüftler, vier Zeitfahren, Zweier und Einzel, wurde Dritter im Nationenpreis. Auch ein absoluter Spezialist also. Mit schelmischem Lächeln beschreibt Voigt seine Rolle im deutschen Team: "Es gefällt mir sehr gut, mich in Ullrichs Schatten verstecken und ausruhen zu können."

Noch ein stressfreier deutscher Zeitfahrer. Den Kurs sind beide zusammen abgefahren, Ullrich mit den "ersten schnellen Tritten" seit der Vuelta. Er findet die Strecke "ganz gut" und "anspruchsvoll", mit "wenig gefährlichen Kurven, breiten Straßen und abwechslungsreich durch die Bergpassage". Zuletzt hat er es in Merdingen "genossen, zu Hause zu sein". Er habe gesund gelebt, viel geschlafen und auf sein Gewicht geachtet. "Ein bißchen Erholung braucht der Mensch." Verlust an Form sei aber nicht zu befürchten. Nicht in zehn Tagen. Jan Ullrich sagt es lässig: "Die Vuelta in den Beinen muss reichen."

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