Sport : Ungezogen angezogen

Weil sie Tenniskleidung trägt, wird Indiens Sportstar Sania Mirza von muslimischen Geistlichen verurteilt

Jens Poggenpohl

Berlin - Sania Mirza hat eine Vorliebe für T-Shirts mit Aufdrucken. So eines trug sie im Sommer in Wimbledon. „Mädchen mit gutem Benehmen schreiben nur selten Geschichte“, stand darauf. Der Satz hat für Indiens größten weiblichen Sportstar eine beklemmende Wendung genommen. Denn die Öffentlichkeit diskutiert zurzeit nicht über die Rückenverletzung oder den zweiten Aufschlag der 19-Jährigen, die es als erste Muslimin unter die besten 100 Tennisspielerinnen der Welt geschafft hat. Was zur Debatte steht, ist ihre Sportbekleidung. Islamische Geistliche haben Mirza, eine sunnitische Muslimin, mit einer Fatwa belegt, einem religiösen Urteil. Darin werden ihre kurzen Röcke und knappen T-Shirts als „unislamisch“ angegriffen. Ein muslimischer Führer warf ihr einen „zweifellos verderbenden Einfluss auf junge Frauen“ vor und forderte sie auf, angemessene Kleidung zu wählen – oder auf Turniere zu verzichten.

„Im Sport ist das ein Novum“, sagt Michael Schied, Indien-Experte von Amnesty International. Er wertet die Fatwa als Warnzeichen. Zwar handelt es sich bei einer Fatwa nur um eine Art Rechtsgutachten – für gläubige Muslime bedeutet dies jedoch eine dringende Aufforderung. Und Mirza, die bis heute in ihrer Heimatstadt Hyderabad lebt, ist gläubig, verbindet ihre Religion aber mit einem modernen Lebensstil. Sie ist, dank ihres Selbstbewusstseins, ihres Erfolgs und ihres frechen Nasenrings, eine Ikone des modernen Indien. Deshalb ist ihr die säkulare Mehrheit ihres Landes sofort zur Seite gesprungen. In der jüngsten Ausgabe des Magazins „Outlook India“ empörte sich ein Kommentator über die Attacke auf den „Nationalschatz“. Ihre Geschichte ist auch ein Lehrstück über religiöse Konflikte in einem Land, dessen zahlreiche Glaubensrichtungen ihren Weg zwischen Tradition und Moderne finden müssen.

Sania Mirzas Weg in die erweiterte Weltspitze des Damentennis liest sich wie ein Drehbuch aus Indiens Filmwerkstatt Bollywood: Sie ist sechs, als ihre Eltern ein Spiel von Steffi Graf sehen und beschließen, aus ihrer Tochter einen Tennisstar zu machen. Sie ist zwölf, als sie ihren ersten Ausrüstervertrag erhält. Sie ist sechzehn, als sie bei den Junioren den Doppel-Titel in Wimbledon erringt. Am 12. Februar 2005 gewinnt sie in Hyderabad als erste Inderin einen WTA-Einzeltitel. Zur Zeit belegt Mirza Platz 34 der Weltrangliste. „Ihr Erfolg könnte bahnbrechend für andere muslimische Sportlerinnen sein“, freut sich John Dolan von der Spielerinnen-Organisation WTA.

Mirzas öffentlicher Erfolg geht weit über Fanklubs, Werbeverträge und Auftritte in Fernsehshows hinaus. Im vergangenen Jahr ernannte die indische Regierung sie zur offiziellen Botschafterin für eine Kampagne gegen Kinderarbeit. Für die Mehrheit ist Mirza ein Symbol des Aufbruchs, für die fundamentalistische Minderheit der 130 Millionen Muslime das perfekte Hassobjekt. „Sport ist in Indien immer politisch. Jeder benutzt Sania“, sagt Subatra K. Mitra, Leiter des Südasien-Instituts an der Universität Heidelberg. Fatwas wie die gegen Mirza dienten immer auch als Machtinstrument, um Einfluss zu gewinnen.

Körperlich bedroht ist Mirza nicht. Einerseits ist sie durch die Öffentlichkeit geschützt, zudem hat der Staat ihr mehr Leibwächter als jedem anderen indischen Sportstar gestellt. Die WTA sieht keinen Anlass, besondere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Die Sanktionen, die ihr drohen, sind anderer Art. „Wenn die Fatwa von einer starken lokalen Glaubensgemeinschaft ausgesprochen wird, kann das zum sozialen Boykott führen“, sagt Mitra. Und Hyderabad, die 3,6-Millionen-Stadt im Zentrum, war immer schon Hochburg islamischer Fundamentalisten. Die Fatwa ist deshalb auch nicht folgenlos geblieben: Schon haben sich einige Cousins für die Befolgung ausgesprochen. „Wenn sich die Eltern abwenden, kann das das Karriereende bedeuten“, fürchtet Amnesty-Mitarbeiter Schied.

Mirza selbst hat die Diskussion bisher verweigert. „Wie ich mich kleide, ist eine persönliche Angelegenheit“, lautet ihre Antwort. Wie heikel Fragen sein können, bekam sie kürzlich zu spüren: Gefragt, was sie von Verhütung halte, antwortete sie, jeder müsse wissen, was er tue, ob vor oder nach der Ehe. Prompt wurde ihr vorgeworfen, sie habe den vorehelichen Geschlechtsverkehr gerechtfertigt. Sie fühlte sich falsch zitiert. Als bei einer Pressekonferenz vor drei Wochen dann wieder nur persönliche Fragen gestellt wurden, verließ Mirza genervt den Raum.

Für die Australian Open im Januar hat Sania Mirza einen neuen Trainer verpflichtet – Tony Roche, der einst Ivan Lendl zu den Grand-Slam-Titeln führte, von denen Sania Mirza träumt. Lendls stoische Ruhe könnte sie zurzeit auch abseits des Platzes gebrauchen. Die Widersprüche ihres Landes drohen sie sonst zu zerreißen.

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