Sport : Ungläubiger Weltmeister

Stefan Bradl ist vor dem letzten Rennen neuer Champion in der Moto2-Klasse

Einsame Runden. Ohne seinen größten Konkurrenten geht der neue Weltmeister Stefan Bradl in Valencia an den Start. Foto: AFP
Einsame Runden. Ohne seinen größten Konkurrenten geht der neue Weltmeister Stefan Bradl in Valencia an den Start. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Als die erwartete Nachricht gestern Vormittag eintraf, wollte sie trotzdem niemand glauben. Marc Marquez würde an dem Qualifying zum letzten Saisonrennen der Moto2-Klasse in Valencia nicht teilnehmen, hieß es. Die Konsequenz daraus wäre gewesen: Stefan Bradl würde den Vorsprung auf seinen einzigen Konkurrenten verteidigen und als neuer Motorrad-Weltmeister feststehen. „Erst wenn 15.55 Uhr das Qualifikationstraining beendet und Marquez keine Runde gefahren ist, glauben wir es. Bis dahin tun wir unseren Job“, ließ Bradls Team-Mitbesitzer Jochen Kiefer umgehend der Öffentlichkeit ausrichten. Zu oft war in der vergangenen Woche über den möglichen Startverzicht des Spaniers spekuliert worden, als dass sie sich jetzt voreilig feiern lassen würden.

Stefan Bradl und Marc Marquez hatten sich das Saisonfinale wohl etwas spannender vorgestellt. Doch Marquez wird bei dem heutigen Rennen wegen der Verletzungen nach seinem schweren Sturz vor zwei Wochen in Malaysia tatsächlich ausfallen. Der 18-Jährige litt seither unter Gleichgewichtsstörungen, sah auf einem Auge doppelt. Es war zwar die Rede von „Wunderheilung“, mehrfach war ein Startverzicht angekündigt und wieder zurückgenommen worden, doch gestern Nachmittag um 15.55 Uhr glaubte es auch das Team um Stefan Bradl: Ihr Fahrer ist der erste deutsche Weltmeister seit dem Titelgewinn von Dirk Raudies 1993.

Die Titelchancen von Marquez waren vor dem letzten Rennen (12.15 Uhr/live auf Sport 1) ohnehin nur sehr gering. Der 18-Jährige hätte bei 23 Punkten Rückstand schon gewinnen müssen, und gleichzeitig hätte Bradl nicht über den 14. Platz hinaus kommen dürfen. Herbeigesehnt hatten dieses letzte Duell aber dennoch beide Ausnahmefahrer. Denn über die komplette Saison hinweg gesehen hätte jeder von ihnen den Titel verdient gehabt.

Bereits nach den ersten sechs Rennen hatte die deutsche Motorrad-Hoffnung wie der künftige Weltmeister ausgesehen. Bradl gewann vier Grand Prix und führte die WM-Wertung überlegen an. Erst dann gab sich auch der Spanier als ein ernsthafter Anwärter auf den Gesamtsieg zu erkennen. Von den folgenden zehn WM-Läufen konnte Bradl keinen einzigen mehr gewinnen und wurde schließlich nach sieben Siegen seines Rivalen beim drittletzten Lauf im japanischen Motegi von der Spitze verdrängt. Bis zu dem folgenschweren Sturz in Malaysia schien der Spanier auf dem Weg zum WM-Titel nicht mehr aufzuhalten. Doch Bradl nutzte das Pech seines Konkurrenten und verdrängte ihn mit zwei zweiten Plätzen in der Gesamtwertung wieder von Platz eins.

Und dabei bleibt es. Stefan Bradl nutzte in Valencia während des Qualifyings eine Regenpause, um in der benachbarten Box seines verletzten Konkurrenten vorbeizuschauen. „Er tut mir leid. Wir haben uns während einer tollen Saison einen tollen Kampf geliefert. Warum sollten wir uns nicht die Hände schütteln?“, fragte Bradl, bevor dann doch noch ein wenig gefeiert wurde. Bradls Vater Helmut, selbst einmal Motorrad-Vize-Weltmeister, war sichtlich stolz: „Er hat Wort gehalten, weil er ja immer einen Platz besser sein wollte als Papa.“

Am frühen Abend hatte die Uhr für Stefan Bradl dann immer noch nicht 15.55 geschlagen. „Ich muss das nun erstmal ein bisschen verdauen, Weltmeister zu sein“, sagte der 21-Jährige. Vielleicht gelingt das heute besser. In der gewohnten Atmosphäre nach einem Rennen. Tsp

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